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Szenische Interpretation
Wer epische und dramatische Texte untersucht, wird feststellen, dass der Autor bestimmte Orte, Zeit und soziale Milieus auswählt und seine eigene Erfahrung einbringt und bestimmte Personen akzentuiert oder ablehnend ironisiert. Auf der Rezipientenseite werden beim Lesen von epischen und dramatischen Texte Vorstellungen entwickelt und verschiedene Perspektiven durchgespielt. Dabei ist es so, dass der Leser seinerseits diese gelesenen Informationen mit eigenen Erfahrungen in Zusammenhang bringt. Dabei wirken sich emotional gefärbte Identifikation oder Kontraidentifikation mit den Personen in eine negative oder positive Beurteilung aus. Auch der Zustand beim Lesen hat entsprechende Auswirkungen, so dass ein frisch Verliebter eine Liebesgeschichte ganz anders lesen wird als jemand, der sich gerade getrennt hat.
Wer gelesene Texte szenisch umsetzen will, muss die vorgegebenen Rahmenbedingungen der Schüler ganz einfach mitberücksichtigen, d.h. milieu-, geschlechts- und kulturbedingte Unterschiede sind bei der Rollenbesetzung einzuplanen. milieubedingte Unterschiede: Jugendliche aus gehobenem Bildungsniveau sprechen eher in Gruppen und Zweierbeziehungen über ihre Probleme, sie können sich auch über emotionale Themen unterhalten und haben keine Probleme sich darzustellen.
Jugendliche aus bildungsfernem Milieu orientieren sich eher an Mitgliedern von Fanclubs oder Cliquen, wobei das körperbetonte Erleben im Mittelpunkt steht (Sport, Tanz, Randale, Saufen)
Mädchen treten in der Regel freundlich, ängstlicher als Jungen und weniger selbstbewusst auf, suchen den Konsens und können sich eher in andere Menschen hineinversetzen. Oft findet eine Abwertung des eigenen Körpers statt, weil sie dem Idealbild nicht entsprechen.
Jungen stellen sich dagegen gern als selbstbewusst und kompetent dar, äußern nicht gerne Gefühle, außer Wut und Aggressionen und treten, sei es im Sport oder im Streit, in Konkurrenz zu anderen. Unterschiede können bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien festgestellt werden.
vorbereitende Arbeiten zum szenischen Interpretieren: a) kreatives Schreiben
siehe Arbeit zur Kurzgeschichte „Mechanischer Doppelgänger“ von Kasack dramaturgische Übertragung eines kurzepischen Textes in eine dramatische Form
b) bildliches Gestalten Visualisieren eines Textes, Fotosequenzen, Zeichnen von Szenen, Üben von Standbildern
c) körperliches Darstellen Festlegung von Kleidung, Körperhaltung und Mimik. Sie können in ihrer Rolle unterschiedliche Situationen improvisieren
d) Sprachgestaltung Durch unterschiedliche Sprechweise kann eine Sinnveränderung und Emotionalisierung möglich werden. Zur Vorbereitung lässt sich auch das szenische Vorlesen heranziehen.
e) szenisches Improvisieren Aus dem Text heraus können Situationen improvisiert und zum Inhalt variiert werden, dabei sollen übertriebene theatralische Darstellungen vermieden werden.
f) szenische Darstellung
Den Schülern werden Rollen zugewiesen und bei ihrer Umsetzung ist die Deutung des Textes für die entsprechende notwendig. Dabei beeinflussen der Regisseur (Lehrer) und die Zuschauer (die übrigen Schüler) die Darstellungsform. Zu dieser Arbeit gehören Rollengespräche, Pantomime, Standbilder und Slow Motion. Um sich in die Figuren hineinversetzen zu können, müssen sich die Schüler Vorstellungen über Sozialisation, Lebenssituation und Einstellung der literarischen Personen erarbeiten.
Dabei können Fragen weiterhelfen: Wie ist dein Name? Wie alt bist du? Wo lebst du? Wo befindet sich deine Wohnung? Seit wann wohnst du hier und mit wem? Welche Möbel und andere Gegenstände sind dir wichtig? Wie sieht dein Alltag aus? Mit welchen Menschen hast du oft zu tun? Was bedeutet dir die Arbeit? Was machst du in deiner Freizeit? Was bedeuten dir deine Partnerin/dein Partner. Aus welchem Elternhaus kommst du? Hattest du Geschwister usw?
g) szenisches Lesen
Beim szenischen Lesen wird der Text, in Rollen aufgeteilt, so gelesen, als wenn er in einer konkreten Situation gespielt würde. Dabei kann man mit Lautstärke und Intonation entsprechend improvisieren. Als vorbereitende Arbeit muss der Schüler sich mit den Figuren vertraut machen, die Lage und Stimmung herausfinden, um so eine angemessene Sprechweise zu realisieren. So gelingt es die Beziehungskonstellation zwischen den Personen herauszufinden. Bei der Rollenbesetzung muss auch der Erzähler mitberücksichtigt werden. Die Sitzanordnung der Leser entscheiden die Schüler selbstständig.
Welche Lernprozesse werden durch die szenische Interpretation initiiert?
a) Der Schüler versteht die in einem dramatischen und erzählenden Text eingeplanten Figuren leichter und kann sich mit der Situation vertraut machen.
b) Er kann sich mit der Situation und den Gefühlen der Figuren auseinandersetzen und lernt die unterschiedlichen sozialen Beziehungen kennen.
c) Es ist für den Schüler auch möglich, vorgegebene szenische Darstellungen zu verändern und damit zu verfremden.
d) Er kann Gefühle, die im Alltag vernachlässigt werden, reaktivieren und sowohl körperlich wie sprachlich ausdrücken.
e) Er kann den eigenen Sprachhorizont über das Sprachspiel erweitern.
f) Er lernt Reaktionen auf unterschiedliche Haltungen im Rollenspiel kennen.
g) Bei der Aneignung und Reflexion männlicher und weiblicher Rollen kann über eigene und fremde geschlechtsspezifischen Verhaltensmuster diskutiert werden.
h) Auch die in einer bestimmten geschichtlichen Situation vorgestellte Rolle schafft Verständnis für geschichtliche Veränderungsprozesse zu heutigen Zeit.
i) Es besteht auch die Möglichkeit für die Schüler, sich in Personen fremdkultureller Lebensbereiche einzufühlen.
j) Eigene soziale Beziehungen, Verhaltensweisen und Wünsche werden kritisch hinterfragt, denn Texte bieten immer Spielräume für soziale Lernprozesse.
Szenische Interpretation von Kurzgeschichten Kurzgeschichten sind nach Heinz Piontek Grafiken der Prosa, denn es werden Momente skizziert, in denen Menschen mit Ereignissen oder Personen konfrontiert werden, die ihr bisheriges Leben und ihre Verhaltenweisen in Frage stellen. Die Geschichten werden oft von einem personalen Erzähler knapp und situationsbezogen erzählt und die vielen Leerstellen (Anfang, Ende, situativer Kontext, Gedanken und Gefühle der Personen) regen die Vorstellungskraft an. Geschichtliche Informationen fehlen oft, so dass Hintergründe dazu nicht eingeplant werden können.
Der geschichtliche Kontext darf zwar nicht aus den Augen verloren werden, aber beim szenischen Spiel müssen auch aktualisierende Projektionen möglich werden.
Was kann bei der szenischen Interpretation von Kurzgeschichten von Schülern gelernt werden? a) Beim Lesen kann der Schüler feststellen, mit welcher Person er sich identifizieren oder nicht identifizieren kann. Welche Bilder durch den Kopf gehen.
b) Welche Erfahrungen haben die Personen geprägt und wie wirkt sich dies auf die Stimmungen, Einstellungen und Verhaltensweisen aus.
c) Wie sehen die Orte des Geschehens unter dem Gesichtspunkt der Geschichte aus?
d) Welche Geschehnisse haben vor Beginn der Handlung die Aktivitäten und die Haltungen der Personen beeinflusst?
e) Die Schüler lernen auch, wie und mit welchen körperlichen und sprachlichen Handlungen die Personen die Szene bewältigt, welche Gedanken und Gefühle sie dabei bewegt und auf welche Weise sie ihre Erlebnisse verarbeitet haben.
f) Aus welcher Perspektive wird die Geschichte erzählt und welche Sichtweise und Deutung wird den Lesern nahe gelegt.
Beispiele: H. Kasack „Der mechanische Doppelgänger“ und F. Kafka „Heimkehr“.
Wie lässt sich die letzte Geschichte szenisch interpretieren? Der Ich-Erzähler bringt in starker atmosphärischer Dichte die Gedanken des Heimkehrers als inneren Monolog, wobei am Schluss nicht deutlich wird, ob die Schwelle überschritten wird. Mit Hilfe von Standbildern kann der Begriff „Heimkehr“ veranschaulicht werden. Der Ort wird von dem Spieler aus seiner Rolle heraus beschrieben und auf Fragen der Mitschüler soll die Erwartungshaltung nach der Begrüßung wiedergegeben werden. Gleichzeitig wird auch vorgestellt, welche Erwartungshaltung man auf der Gegenseite einplant. Zwiespältige Gedanken und Gefühle, die aus den Widersprüchen zwischen Erwartung und Wünsche entstehen, können durch improvisierendes Zurufen ausgedrückt werden.
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möglicher Verlaufsplan für die szenische Interpretation
1. Standbilder Nach der Lektüre werden Standbilder von Szenen vorbereitet, die den Schülern besonders gefallen oder missfallen haben als eine Grundlage der Diskussion.
2. Lebenszusammenhänge der Personen Der Alltag der handelnden Personen wird nachempfunden, indem historische Quellen, nachlesbare Ortsbeschreibungen und personentypische Reaktionen als Fantasiereise organisiert werden.
3. Erarbeitung individueller Haltung Die Rollen werden zugeteilt und bei zu geringer Anzahl an Figuren können Doppelbesetzungen vorgesehen werden. Die Schüler schreiben Selbstdarstellungen, um sich schrittweise in die innere und äußere Haltung der Figuren einzuarbeiten. Es ist in dieser Phase wichtig, auch mit den zuschauenden Schüler zu diskutieren. So werden Kleidung, Körper- und Sprechhaltung, Verhaltens- und Denkweisen entwickelt. Die im Werk vorkommende Lieblingsbeschäftigung wird vom beauftragten Schüler vorgestellt.
4. szenische Interpretation in einzelnen Stationen Arbeitsteilig können in Kleingruppen Szenen vorbereitet werden. Diese Szenen werden mehrmals mit verteilten Rollen gelesen. In gemeinsamen Gesprächen werden zugrunde liegende Motive der Person, Intention für das Verhalten und dabei wichtigen Gefühle festgelegt, außerdem ist es jetzt notwendig, den Ort des Geschehens mit den dafür vorzusehenden Hilfsgegenständen auszustatten. Beim Üben der Dialoge können anfangs improvisierte Gespräche eingeplant werden. Die Zuschauer haben jetzt die Aufgabe die gesehenen Szenen zu interpretieren. Der Spielleiter muss nun mit den Schülern Einfühlungsgespräche führen, danach beginnt das Spiel, indem zuerst der Text vom Blatt abgelesen wird. Wenn bestimmte Szenen nicht zusagen, kann der Spielleiter oder ein Zuschauer durch Stopp-Zwischenrufe unterbrechen und entsprechende Klarstellungen bringen. Auch der Schauspieler kann sich interpretativ äußern. Das szenisch Dargestellte und das Reflektierte wird anschließend noch einmal in einem gemeinsamen Gespräch analysiert: Passt diese Deutung in den historischen Kontext? Welche andere Interpretation wäre möglich usw.?
5. Reflexion, Rekonstruktion und Deutung der Szenischen Interpretation Einfühlung, Spiel und Reflexion bestimmen die szenische Interpretation in allen Phasen, haben aber unterschiedliches Gewicht. Am Anfang der Proben steht die Einfühlung und am Schluss die Reflexion im Mittelpunkt, d.h. zuerst wird das Geschehen aus der Sichtweise einer Person gesehen, später wird aus dem Blickwinkel nicht beteiligter Figuren analysiert.
Zum Abschluss wird die gemeinsam erarbeitete Interpretation rückblickend anhand einer Reihe von Standbildern rekonstruiert und der übergreifende Sinn diskutiert.
lit. Grundlage: Scheller, Ingo (2004): Szenische Interpretation. Theorie und Praxis eines handlungs- und erfahrungsbezogenen Literaturunterrichts in Sekundarstufe I und II. Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung, Seelze-Velber
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