Stilregeln
 

Stilistische Regeln beziehen sich immer auf die Auswahl zwischen verschiedenen grammatikalisch korrekten Alternativen. Man kann sagen, dass es passende und unpassende, auffällige und unauffällige, akzeptable und weniger akzeptable Formulierungen gibt. Die Grenzen zwischen Grammatik- und Stilfehler sind fließend.

Die Stilistik bezieht sich auf zwei Bereiche: die Semantik der Wörter, d.h. der Wortinhalt muss sich mit der Satzumgebung „vertragen“, und die Pragmatik, d.h. die Auswahl der Wörter und die Formulierungen in Abhängigkeit von der Intention, der Situation, der Textsorte und dem umgebenden Text.
Beispiele zur Semantik:
1. Die kurze Hose ist grün – korrekt.

2. Die kurze Hose ist lang – grammatikalisch korrekt, semantisch fehlerhaft
3. Die Hose ist große – grammatikalisch fehlerhaft
4. Die kurze Hose schläft – semantisch fehlerhaft, aber grammatikalisch korrekt.
5. Das Geheimnis ist „entlüftet“ – semantisch fehlerhaft, ähnlich klingender Begriff

6. Wir wurden vom Schlaf „überrundet“, s.o.

Beispiele zur Pragmatik:

Bei der Nichtbeachtung von pragmatischen Überlegungen wirkt der Sprecher oft unhöflich, taktlos oder unsozial:
- zu einem Vorgesetzten: Mache ein bisschen schneller!                               - zu einem Sparkassenangestellten: Lasse die Knete rüberwachsen!               - in einem Gesetzestext: Das Klauen wird im Wiederholungsfall mit einer Strafe nicht unter zwei Monaten geahndet.

 

- die ästhetischen Regeln: Man unterscheidet zwischen durch normalen Sprechrhythmus registrierbare gut klingende und schlecht klingende Formulierungen, ein literarischer Schwerpunkt der Poetik.

 

Die Stilbildung hat das Ziel die schriftsprachliche Kompetenz zu verbes- sern, wichtig ist dabei die richtige Wahl zwischen grammatikalisch richtigen Alternativen. Wenn konkrete Stilregeln in der Fachliteratur  nachgelesen werden, dann beziehen sie sich auf die Wortwahl und auf die Wahl der Formulierungen:


a) die Wortwahl:

Wörter werden sehr oft zeitabhängig verändert, z.B. das heute akzeptierte Wort „kaputt“ musste früher mit „entzwei“ ausgetauscht werden. Man kann auch feststellen, dass Wörter der Umgangssprache durch die Medien sehr schnell in die Schriftsprache eindringen.

Wenn man zwischen bedeutungsgleichen bzw. bedeutungsverwandten Wörtern entscheidet, dann muss die Rede- bzw. Schreibsituation berücksichtigt werden, d.h. man muss wissen, welche Stilhöhe man realisieren möchte, um festzustellen, ob der ausgewählte Ausdruck möglicherweise„aus dem Stil fällt“. Zentraler Punkt ist immer die Verständlichkeit, deshalb muss man sich die Frage stellen, ob die Leser (Zuhörer) das Wort kennen, welche Assoziationen es wachruft, welche ästhetischen Empfindungen es provoziert. Fremdwörter müssen nicht global abgelehnt werden. Es sollte nur vermieden werden, dass reine Effekthascherei und der Wunsch nach Respektierung  die alleinige Motivation für den Gebrauch begründet. Es wird heute von „Frustration“, wenn von „Enttäuschung“ die Rede ist, gesprochen oder „Streit“ als „verbale Aggression“ bezeichnet. Stilkritiker tadeln auch Modewörter, Phrasen, Worthülsen oder Sprachklischees. Bei Attributen muss unterschieden werden, ob sie eine Bereicherung des Nomens darstellen oder nur eine Pseudoverstärkung beinhalten, z.B. breite Masse, einfacher Arbeiter, krasser Gegensatz. Dasselbe gilt für „Problemlage” anstelle von „Problem“, „Lernprozess“ bei „Lernen“ oder „Erwartungshaltung“, wenn „Erwartung“ als Ausdruck auch reicht. Bei einer Häufung spricht man vom Blähstil. Als Allerweltswörter werden manche Verben eingestuft, wie „sagen“, „machen“, „gehen“ oder die Hilfswörter „haben“ und „sein“. Wortwiederholungen sollen vermieden werden, ebenso eine Monotonie der Sätze und des Satzaufbaus.


                                              
spezielle Übungen:
b) Wahl der Formulierungen

Gedankenlose Passivformulierungen sollten vermieden werden. Außerdem ist ein Verbal- immer einem Nominalstil vorzuziehen. Statt: „Er erfuhr die Ursache der Entwicklung“ lieber „er erfuhr, wie es dazu gekommen war“, statt „Die Kunst der Verständlichkeit des Schreibens“ lieber „Die Kunst, verständlich zu schreiben“. Schüler gebrauchen auch oft Relativsätze, die sich besser durch Attribute ersetzen lassen und sie neigen oft zu monotonen „dass-Sätzen“, bei denen wichtige Informationen im Nebensatz untergebracht sind. „Es steht fest, dass…. Ich meine, dass….


Aufgabenvorschläge:


a)
Wortfeldübungen:
Sie dienen dazu, Alternativen kennen zu lernen.
 

b) Satzgliedübungen:
Satzglieder werden umgestellt oder weggelassen und die Wirkung untersucht.

c) Multiple-Choice-Texte:

Die Texte werden so präpariert, dass an einigen Stellen mehrere Wörter zur Auswahl gestellt werden und der Schüler die Entscheidung fällen muss. Außerdem kann in einem Text eine Aktiv- und Passivformulierung angeboten werden („er gab ihr einen Kuss“, „sie bekam von ihm einen Kuss“) oder direkte und indirekte Rede (Er sagte: „Komm her!“ Er forderte sie auf herzukommen).

 

d) Lückentext:

An stilistisch interessanten Stellen werden Lücken gelassen, die von den Schülern aufgefüllt werden müssen.

                                              

                                                 Stilübungen
Texte werden in unterschiedlichen Stilen geschrieben (Polizeibericht, Erzählung, Privatbrief, wissenschaftlicher Aufsatz, Partygespräch, Glosse ….)


Plagiate:

Auf der Grundlage einer Kurzgeschichte (Bichsel, Wondratschek, Bern-
hard) soll zu einem vorgegebenen Thema eine stilistisch angepasste Geschichte geschrieben werden.


Weiterschreiben:
Zu einem markanten Textanfang soll weiter geschrieben werden.

halbe Gedichte:
Zu der Hälfte eines Gedichts kann der Schüler eine passende Variante schreiben.


Précis:

Ein Ausgangstext soll unter Beibehaltung des Stils gekürzt werden.


Textüberarbeitung:
Attribute können durch Relativsätze ersetzt, Satzglieder umgestellt, ein Satz durch möglichst viele adverbiale Bestimmungen erweitert, kurze Sätze können durch lange Sätze ausgetauscht werden und umgekehrt.
 

Textkommentierungen:
Schüler nehmen zu Aufsätzen der Mitschüler Stellung. Auf folgende Fragestellungen kann Wert gelegt werden: Wie wird der Leser angesprochen, sind Beispiele, Veranschaulichungen, Zitate sinnvoll eingesetzt?

 

 

Schreibschulung


Der Deutschunterricht muss in allen Lernbereichen das Ziel haben, die Kommunikationsfähigkeit des Schülers zu verbessern und ihn auf die im späteren Leben auftauchenden Schreibsituationen vorzubereiten, d.h. vom schlichten Schreiben von Notizen, Beschwerden, Entschuldigungen, Arbeitsberichten bis zu Protokollen. Er muss sich über den Adressaten im Klaren
sein und über die beabsichtigte Wirkung, die er erzielen will. Dabei muss der Unterrichtende die Erkenntnis der empirischen Soziolinguistik berücksichtigen, dass Schüler der Unterschicht (Bazil Bernstein) der „Hochsprache“ oftmals besonders fernstehen und entsprechend gefördert werden müssen.


Der frühere Aufsatzunterricht orientierte sich an starren Aufsatzgattungen (Bericht, Beschreibung, Inhaltsangabe, Erörterung), deren Künstlichkeit noch zusätzlich verstärkt wurde durch den Zwang zur Lehrerbeurteilung. Heute ergänzt man die Schreibaufgaben durch projektorientiertes freies und kreatives Schreiben, das in Arbeitsgemeinschaften, Schreibgruppen und Literaturkreisen organisiert werden kann.


Schreibprozessentwicklung:


Der Schüler durchläuft eine regelrechte Abfolge von Entwicklungsphasen in seiner Schreibfähigkeit, die durch gezielten Unterricht verkürzt werden  kann. Nach der Studie von Carl Bereiter unterscheidet man fünf Phasen:


1. Phase:  Assoziatives Schreiben. Der Schreiber äußert seine Einfälle           so, wie sie ihm in den Sinn kommen.

2. Phase: Normorientiertes Schreiben. Der Schreiber bemüht sich um orthografische und grammatische Korrektheit.

3. Phase: Kommunikatives Schreiben. Der Schreiber berücksichtigt das Verständnis und die Erwartungshaltung des Lesers.

4. Phase: Authentisches Schreiben. Es bildet sich ein individueller, persönlicher Stil heraus.

5. Phase:  Epistemisches Schreiben. (auf Wissen begründetes Schreiben). Das Schreiben wird zum Gewinnen von Erkenntnissen in heuristischer Hinsicht genutzt.

Bei der Untersuchung des Schreibverhaltens kann festgestellt werden, dass Kinder eher den aneinanderreihenden  Stil der Satzreihen bevorzugen, später werden dann eher Satzgefüge formuliert. In der Sekundarstufe I stellt man öfters ein steifes, verschachteltes Schriftdeutsch fest. Die Jugendlichen haben sich oft Argumentationsformen angewöhnt, deren inhaltliche Struktur sie nicht in Sprache umsetzen können, so dass oft eine großspurige Schreibweise entsteht.


Verlauf des Schreibprozesses:


1. Sammlung: Finden von Material und Ideen, das Recherchieren in Bibliotheken
und Archiven

2. Planung: Handlungsplanung (Wem will ich was sagen, wozu, was will ich erreichen?), Inhaltsplanung (thematische Textstruktur, Gliederung des Stoffes), Schreibplanung (das Vorgehen beim Schreiben, womit fange ich an, was kommt als Nächstes, wie löse ich bestimmte auftauchende Probleme?)

3. Ausarbeitung: Die einzelnen Materialelemente werden in eine sprachliche, also syntaktische und textuelle Abfolge gebracht.

4. Überarbeiten: Korrektur, d.h. die Schüler müssen das, was sie geschrieben haben, immer als Entwurf sehen, den es zu verbessern gilt.


Günter Lange u.a.: Taschenbuch des Deutschunterrichts. Band 1. Schneider Verlag, S. 206 ff.
 


 

einige Regeln für die Schriftsprache

 

Grundlage: Schneider,Wolf (1994): Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek

 

Man muss sich klarmachen, dass ein Text nur gelesen wird, wenn:

1. der Inhalt so interessant ist, dass man ihn dringend lesen möchte (Gebrauchsanweisung für Feuerlöscher),
2. wenn den Leser die Angst zum Text treibt (Schreiben eines Rechtsanwalts),
3. der Text bei einigermaßen interessantem Inhalt sich angenehm lesen lässt.

 

„Ich suche in den Büchern nichts, als mich bei einem ehrbaren Zeitvertreib zu amüsieren. Wenn ich beim Lesen auf Schwierigkeiten stoße, so beiße ich mir nicht die Fingernägel ab; bin ich den Schwierigkeiten ein- oder zweimal auf den Leib gerückt, so lasse ich sie liegen… Wenn mir ein Buch verdrießt, so greife ich nach einem anderen.“ (Montaigne)
 
Der Historiker Heimpel sagte einmal: „ Wissenschaftliche Prosa ist genau, also unbequem für den Autor und einfach, also bequem für den Leser.
“Wer´s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er´s klar sagen kann.“ (Karl Popper)

„Was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen und worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (Ludwig Wittgenstein)

 

die drei großen Anforderungen an die Sprache:

  • Verständlichkeit
  • Gefälligkeit
  • Reichtum (historische Differenzierungen sollen beibehalten werden und Bereicherungen soll bejaht werden, wenn es welche sind)
  • Mit Wörtern geizen:
    Geblähte Floskeln vermeiden, Füllwörter streichen, Scheinwörter vermeiden.
     
  •  

    Also nicht:

    sondern:

    zu diesem Zeitpunkt

    zu einem späteren Zeitpunkt

    strenges Stillschweigen bewahren

    jetzt
    später
    schweigen

    Füllwörter: echt, irgendwie, ich würde sagen,

    Scheinaussagen vermeiden:
    Ein Ferkel in einem Verschlag hinter dem Herd vervollständigt das Bild von Armut und Schmutz

     

     

    In einem Verschlag hinter dem Herd grunzte ein Ferkel.

    Gegen das Geschwafel:
    Mach´s Maul auf! Tritt fest auf! Hör´ bald auf!“ (Luther)

    „Meine Sprache ist allzeit simpel, enge und plan.“ (Lichtenberg)
    “Ich bemühe mich konsequent, aus hundert Zeilen zehn zu machen.“ (Alfred Polgar)
    “Wenn es möglich ist, ein Wort zu streichen – streiche es. (George Orwell)


     


    Vermeide falsche und hässliche Adjektive:

    die schwachen Brisen, die gezielten Maßnahmen, schwere Verwüstungen oder
    interaktionsfolgenrelevante Verbindlichkeiten, winterliche Witterung statt Winterwetter

     

    Unnötige Adjektive müssen eingespart werden. Ein Beispiel:

    Volkslied: Am verwitterten Brunnen vor dem weinlaubumrankten, halbzerfallenen Tor steht ein knorriger Lindenbaum. Nein: Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum.

    Wissenschaftsjargon vermeiden:
    Der Autor will entweder die Laien von der Verständigung ausschließen oder ihnen imponieren.
    Ein Beispiel:
    Im Mittelpunkt des Kongresses stehen drei Problemkreise:
    die technische Realisierbarkeit neuer audiovisueller Kommunikationsmittel in ihrer jeweiligen Relation zur wirtschaftlichen Akzeptanz.

    1. Wortballons anstechen. Aus: neue audiovisuelle Kommunikationsmittel werden die Neuen Medien.
    2. Nominalkonstruktionen zerschlagen. aus kundenseitiger Akzeptanz wird was die Kunden akzeptieren

    3. Wörter zweiter Wahl vermeiden: praktikabel und akzeptieren tilgen
    Beispiel: Im Mittelpunkt des Kongresses stehen drei Fragen: was bei den Neuen Medien technisch machbar, wirtschaftlich vertretbar und menschlich zumutbar ist.

    4. Akzente setzen und vereinfachen
    Ist „vertretbar“ dasselbe wie „praktikabel“?

    Vorschlag: Der Kongress will für die Neuen Medien klären, was die Technik kann, die Wirtschaft will und was die Leute mögen.

     

    „Der Gesetzgeber soll denken wie ein Philosoph und reden wie ein Bauer.“ (Radbruch)
     

    Modewörter und Klischees vermeiden

    Modewörter entstammen dem Wühltisch beim Schlussverkauf: reichlich vorhanden, billig zu haben, wenig geachtet. Z.B. das Modewort „nachvollziehen“ hat viele schöne deutschen Begriffe verdrängt wie verstehen, begreifen, einsehen, einleuchten, kapieren, klarmachen billigen, nachfühlen, nachempfinden. Vermeidung von leergedroschenen Bilder: der rote Teppich, der große Bahnhof…


    Vermeidung von Wortdreimaster

    In der Kürze ist die Kraft, d.h. anstelle von Informationsdefiziten eher Wissenslücken, anstelle von Gefährdungspotenzial eher Risiko, andere Dreimaster, die es zu vermeiden gilt, wären Frustrationstoleranz, Befindlichkeitspegel, Randgruppensensibilität. Je kürzer ein Wort, desto anschaulicher ist es. Goethe hat in seiner Ballade vom Fischer eine Quote von 76 % Einsilber gebracht, z.B. „Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm….“.
    Ein Beispiel für die Vielsilbigkeit ist die Stiftung Lesen:

    „Alle Teilnehmer des Gesprächs waren sich einig, dass den feststellbaren Einbrüchen in der Bibliothektsinfrastruktur der ehemaligen DDR und der enormen Nutzung von Bibliotheken auf bibliothekspolitischer wie leseförderungspraktischer Ebene begegnet werden muss.


     


    Schlichte Wörter wählen

    Für den, der mit Worten wirken will, ist das simple Wort die richtige Wahl. Man gebrauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge. Beispiele: Von Staub bist du gekommen und zu Staub sollst du werden. (Bibel) Friede den Hütten – Krieg den Palästen! (Georg Büchner) Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. (Bert Brecht)

     


    Bei der Wortwahl immer die engste Einheit nennen

    Man soll beim Schreiben immer die engste Einheit wählen, d.h. präzise, konkret und anschaulich schreiben. Meint man Henne, schreibt man nicht Huhn, meint man Huhn, so schreibt man nicht Geflügel oder Federvieh, meint man Geflügel, so schreibt man nicht Haustiere, meint man Haustiere, so schreibt man nicht Tiere, meint man Tiere, so schreibt man nicht Lebewesen.

    Man muss sich von der Abstraktion abwenden und zum Konkreten kommen.
     

    Beispiel für die Abstraktionen:
    Zahlreiche Hamburger Spezialitäten hat er auf diese Weise zu neuem Ansehen verholfen. Wie bei seinen Kreationen verbindet Viehauser auch Überliefertes mit Neuem zu mitunter ungewöhnlichen Kombinationen.

    Beispiel für das Konkrete:
    Von den Tischereignissen ist mir nur noch als charakteristisch erinnerlich, dass ich im Eifer des Gesprächs in dem neben mir liegenden Brot krümelte und dadurch unschöne Brosamen erzeugte. Da tippte denn Goethe mit dem Finger auf jedes einzelne und legte sie auf ein regelmäßiges Häufchen zusammen. (Grillparzer – Autobiografie)

     

    Stiluntersuchung bei der Aufsatzbewertung

     

    Jeder Mensch hat zwar seinen eigenen Stil, der eng mit der individuellen Empfindungs-
    und Denkweise zusammenhängt, aber es gibt trotzdem einige Grundregeln, die beim Schreiben beachtet werden müssen.

     

     

    1. Wörter:
    a) keine unnötige Ausdrucksausweitung:  Wir sind im Stande, Ihnen mitteilen zu können, dass…. Gestatten Sie mir, sagen zu dürfen …
    b) keine Klangwiederholung:  Heute findet in der Stadt ein Ball statt. Ich bin ganz erschöpft vom Ausschöpfen des Kahns.

    c) Wortwiederholung: Wir bedauern, dass Sie mit unserer Sendung nicht zufrieden sind, können aber zu unserem Bedauern Ihren Schadensersatzanspruch nicht anerkennen.

    d) kein Genitiv mit „von“: Als die Herren von dem Haus kamen. Das Haus von meinem Vater, meinem Vater sein Haus.
    e) kein Auseinanderreißen zusammengesetzter Verben: In diesem Augenblick platzte Sebastian, der nur mit Mühe seine Erregung gebändigt hatte und mit hochrotem Kopf zitternd vor seinem Bruder stand, laut mit den Worten heraus.

    f) keine Kanzleiausdrücke: nach Maßgabe der Vorschriften des § 16, zum Zwecke näherer Prüfung, in Ansehung des nachgewiesenen Bedürfnisses, unter Weglassung der Namen, aufgrund obiger Überlegungen, anlässlich der diesbezüglichen Ermittlungen
    g) Vermeidung toter Verben: sein, haben, sich befinden, liegen, machen, sich ereignen, es gibt

    Der Drachen war sehr hoch in der Luft, in dem Gewässer waren viele Fische, hier befindet sich eine Brücke
    h) keine ungenauen Ausdrücke: Und warum machet ihr euch Gedanken wegen eurer Lebensbedürfnisse? Schauet die Blumen in der Natur, wie sie an Größe zunehmen, sie verrichten keinerlei Arbeit. (Bergpredigt) Und warum sorgt ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. (Luther- Übersetzung)

    i) Hauptwortstil: Anträge auf Inanspruchnahme der Unterstützungseinrichtungen sind unter Beifügung des Mitgliedsbuches mit dem Nachweis gezahlter Beiträge direkt an die Geschäftsstelle zu richten. Die Geschäftsstelle nimmt Unterstützungsanträge unmittelbar entgegen; das Mitgliedsbuch mit dem Nachweis der gezahlten Beträge muss beiliegen.

    j) Fremdwörter: Vermeidung der Unverständlichkeit, d.h. nur ständig benutzte Fremdwörter einsetzen. Die asthenische Konstitution des Patienten war eine primäre Komponente für das letale Resultat.
    k) Stilschlamperei: Alle Briefe von und an meine Schwester habe ich aufgehoben. Er ging mit seinem Vater und Mutter… Vor dem Sofa prangte ein Tigerfell, das sein Onkel selbst erlegt hatte. Der Tod trat durch einen Schlaganfall ein. Trotzdem ich ihn oft gewarnt habe, hat er das Saufen nicht aufgegeben.

    l) hin und her: Da stand es gut um unser Haus, nur viel herein und nichts hinaus. (Goethe) Her bedeutet: zu mir, hin: von mir weg.
    m) kein Schreistil: (Superlativproblematik) der wundervollste Abend, das fabelhafteste Buch, unglaublich, prima
    n) flauer Stil (Ausdrucksabschwächung): Der Schaden ist groß. Es wird mitgeteilt, dass mit der Entstehung eines nicht unbeträchtlichen Schadens zu rechnen sein dürfte.
    o) Phrasen: Einen banalen Inhalt hochtönend wiedergeben. Treue ist das Feuer selber, welches den Kern der Existenz ewig belebt und erhält.

     

     

     

    p) Adjektivanhäufung: Dabei hatte der Knabe ein so gläubiges, verschämtes, überzartes, frommes, gelehriges, träumerisches Wesen.
    q) Satzaufbau:

    - überlange Sätze durch Aneinanderreihung von Hauptsätzen: Marcel ritt bis an den Garten, sprang vom Pferd, kroch durch den Zaun und flog nach der Laube, wo Ursula ruhte, schlich sich zu ihr und stürzte zu ihren Füßen.
    -Hauptsätze und gleichartige Nebensätze: Ich erblicke ihn, als ich auf die Straße, als ich ihn besuchen wollte.
    - Häufung von dass-Sätzen: Er schrieb, dass er in einigen Tagen kommen werde. Er befahl, dass sofort ein Gesetz ausgearbeitet werde.

    -Stopfstil: Häufung von adverbialen Umstandsbestimmungen anstelle von Nebensätzen.

    In der Überzeugung, eine Erweiterung des Unternehmens auf Fabrikation von Stahlmatratzen würde durch Einsparung bisheriger Einkäufe zur weitgehenden Unabhängigmachung von den Vorlieferanten innerhalb eines Jahres beitragen, entschloss sich Meier, unter Heranziehung aller seiner Gelder einen Anbau zu beginnen.
    besser: Meyer wünschte Einkäufe einzusparen und hierdurch weitgehend von Vorlieferanten unabhängig zu machen; er entschloss sich deshalb, alle seine Gelder heranzuziehen und zusätzlich Stahlmatratzen zu fabrizieren; hierfür begann er einen Anbau.

    - Häufung von Partizipien: Die an sich sehr zu lobende Bemühung einer Benutzung von Partizipien führt zu sehr zu tadelnden undeutschen Formen, wenn sie in dieser ungeschickt zu nennenden Weise ausgeübt wird.
    - freie Wortstellung, aber Sinnwort am Satzanfang, wenn das Sinnwort erst inhaltlich vorbereitet werden muss, dann gehört es an den Schluss des Satzes
    - Bildbruch: Napoleon stand noch mit einem Bein in Russland, während er mit dem anderen in Frankreich Armeen aus dem Boden stampfte. Man muss immer im Bild bleiben.
    - die falsche Stilebene: Vermeidung der Mischung verschiedener Stilebenen

    (gehobener Stil, poetischer Stil, Vulgärsprache, sachlicher Stil…) Das erhabene Naturschauspiel kam gut an.
     

     

    Zur Bewertung der Sprachrichtigkeit in den einzelnen Bundesländern
     

     

     

     

     

     

     

    Zur inhaltlichen und sprachlichen Bewertung

     

    1. Es sollten beim Aufsatz die im Unterricht erarbeiteten Inhalte einsetzbar sein.

    2. Allerdings geht die Aufsatzleistung über das rein Reproduzierbare hinaus.

     

    3. Die Lernziele des Aufsatzunterrichts müssen beachtet werden.

     

    4. Die Textkonstituenten sollen bekannt sein, also worauf ist bei der Textherstellung zu
       achten:

    • Textkohärenz: Sind die Argumentationsketten logisch stringent (deduktiv oder induktiv) oder assoziativ sprunghaft, ohne erkennbaren Plan?
    • Textkohäsion: Werden die einzelnen Sätze durch entsprechend Verbindungswörter inhaltlich verknüpft oder werden Personalpronomen ohne Bezug zu vorausgehenden Sätzen eingesetzt? Wird ein bestimmter Objektivitätsgrad bei der Argumentation realisiert (Allgemeinverbindlichkeit, wissenschaftliche Genauigkeit, persönliche Überzeugung)
    • Gedankliche Komplexität: Wird ein Gedankenvorgang entwickelt?
    • Anschaulichkeit: abstrakt, theoretisch, konkret, bildhaft (bei Beispielen Anknüpfung an Alltagserfahrungen.
  • 5. Inhaltsaspekt der Bewertung:
    • Menge und Relevanz der Mitteilungen, die der Text enthält
    • Strukturierung der Mitteilung, der in sich gegliederten und aufeinander bezogenen komplexen Zusammenhänge
  • 6. Sprachmittel:
    • nach der lexikalischen und syntaktischen Ausgestaltung der Sätze
    • nach der Vertextung der Sätze
  • 7. Dilemma der Aufsatzauswertung:
    Es gibt keine objektivierbaren und allgemein akzeptierten Kriterien.
    Daher gibt es nur eine Orientierung an der Schreibsituation.
    Schreibsituation: Es werden explizite und implizite Daten vorgegeben, die der Schüler bei der inhaltlichen und sprachlichen Abhandlung beachten muss.
    Daten beziehen sich auf:
    Gegenstände und Sachverhalte, Intentionen, die mit der Äußerung verbunden sind und den Adressaten.
    Inwieweit wird der Schüler die explizit und implizit vorgegebene Schreibsituationen bewältigen? (durch die Menge und Relevanz der Informationen (z. B. Beobachtungen, Sachkenntnisse, Argumente, Aspekte und Ideen, die er in seinen Text einbringt, durch die Differenzierung, Entfaltung, Akzentuierung dieser Informationen, sowie durch deren Strukturierung zu komplexen Sinneinheiten.

  • Inwieweit ist die Schreibaufgabe sprachlich bewältigt worden?

    • durch die lexikalische Ausgestaltung des Textes (Auswahl der Wörter nach Gesichtspunkten der Eindeutigkeit, Treffsicherheit, Prägnanz, Anschaulichkeit, durch Varianz, Vermeidung von Klischees und Leerformeln, durch Verwendung von rhetorischen Tropen.
    • durch die syntaktische Ausgestaltung: durch Variation und Komplexion der Satzmuster, durch Vermeidung von Monotonie
  • Bewegt sich die sprachliche Ausgestaltung des Textes im Rahmen der Grammatikregeln der Standardsprache, sind die Wörter semantisch richtig verwendet, richtig flektiert, in ihrer Lautgestalt und im Schriftbild richtig reproduziert. Sind die Sätze (Einzelsätzen, Hypotaxen und Parataxen) syntaktisch richtig ausformuliert und so miteinander vertextet, dass keine Unklarheiten entstehen, sind die Interpunktionsregeln richtig beachtet worden.
     

    Auf eine Explizierung der Schreibsituation kann man durch Nennung der Textsorte verzichten, denn soll ein Schüler eine Inhaltsangabe eines Textes erstellen, so ist für ihn klar, aufgrund der vorherigen Unterrichtsstunden, dass er in sachlicher Form informieren soll. Bei textgebundenen Aufsatzthemen kommt es noch darauf an, wie der Schüler den Text erschlossen hat. Bei freien Aufsatzthemen wird noch das unterstellte Wissen gleichzeitig mit abgeprüft, deshalb ist es wichtig, dass diese Themen im Erfahrungs- und Interessenshorizont der Schüler liegen.
    mögliche Fehlerliste:

    • lexikalische Fehler (falsche Vorstellung vom Bedeutungsgehalt der Wörter)
    • morphologische Fehler (falsche Flexion)
    • phonologische und orthografische Fehler (z. B. Gedächnis)
    • syntaktische Verstöße bei Einzelsätzen und Satzgefügen
  • Bezugsnormen der Bewertung:

    • intrapersonal: Der Vergleichsmaßstab ist die individuelle Fähigkeit des Einzelnen. Dies ist sehr problematisch, denn eine unterschiedliche Benotung von zwei gleichen Arbeiten kann nicht vermittelt werden.
    • interpersonal: Die Leistung wird mit den Fähigkeiten der Lerngruppe verglichen. Die Schwierigkeit liegt darin begründet, dass eine Arbeit in einer Klasse mit gut und in der Parallelklasse mit ausreichend bewertet werden kann. Eine begrenzte Anwendung ist jedoch wünschenswert, denn die klassenspezifischen Lernbedingungen müssen berücksichtigt werden wie z. B. Stundenausfall, Lehrerwechsel
    • kriterienbezogene Norm: Die Anforderungen müssen eindeutig ausformuliert werden und nach ihrer Relevanz gewichtet werden. Dies ist das beste Vorgehen, wenn die Arbeit von der Leistung vergleichbar gemacht werden soll.
  • Anregung zu einem Auswertungstraining

    1. Wie beurteilen Sie spontan die in einem Aufsatz erbrachte Leistung? Welche Kriterien waren für diese Bewertung maßgebend?
    2. Wie würden Sie einem Schüler gegenüber Ihre Entscheidung begründen?

    3. Bewerten Sie noch einmal unter kriterienbezogener Norm. Gibt es Abweichungen, aufgrund welcher Normen sind diese Abweichungen erklärbar? Wurden Normen vergessen?
    4. Ist es notwendig, dass Spontanurteil zu korrigieren?

    5. Der Korrektur liegt ein Auswertungsbogen bei. Sind die Korrekturhinweise in der Arbeit für den Schüler hilfreich?


    Beispiel einer Textanalyse
    Bewertungsorientierung:
    1. inhaltliche Bewältigung der Aufgabe:

    Erreicht der Bearbeiter den Adressaten emotional und rational? Bemüht sich der Schüler nicht nur die Analyseschritte zu katalogisieren, sondern so logisch aufzulisten, dass eine

     Aussageabsicht erkennbar wird..

    2. sprachliche Bewältigung der Aufgabe:
    Wählt der Schüler lexikalische und syntaktische Mittel so aus, dass eine klare Darstellung ermöglicht wird und der Leser problemlos folgen kann

    3. Sprachrichtigkeit

     Sind die Wörter in ihrer Bedeutung richtig ausgewählt, richtig flektiert, in ihrer Lautgestalt und im Schriftbild richtig reproduziert worden?
     

     Es können Einzelnoten für Bewertungsabschnitte festgelegt werden, die mit einem Gewichtungsfaktor in die Endabrechnung einzubeziehen sind.

    Beispiel:

     Note aus Anforderungsbereich 1 multipliziert mit fünf, aus Anforderungsbereich 2 mit zwei und aus Anforderungsbereich 3 mit 1. Eine Dezimalstelle hinter dem Komma kann mitberücksichtigt werden.

     

    Stilverstöße:

     Satzbau: missverständlich, z. B. Er wehrt sich gegen den Mann mit dem Revolver.

     Verschachtelungen, z. B.: Zu Ihrer Aussage, dass niemand von Ihnen hat wissen können, dass Andri in Wirklichkeit Cans Sohn war, muss ich sagen, dass Sie, abgesehen davon, dass Can es immer versichert hat, dass Andri sein Sohn sei, und Sie es nur nicht glauben wollten,...

     Stereotype Wiederholungen: z. B. Als wir in Minden angekommen waren, sind wir zum ...

     Als wird uns dort ausgeruht haben, ... Als wir da waren, ...

     

    Quelle:
    Born, Monika/ Lueg, Carl Heinrich (1979): Zur Praxis der Aufsatzbenotung. Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf. ISBN 3-590-145-3