LPM-Veranstaltung L1.230-1712
Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit

kleiner Auszug des Textmaterials

 

 

Inhaltsverzeichnis:

 

 

 

1 Biografie des Autors

2 Inhaltsstruktur
3 Grundlagentexte
3.1 Titel-Text-Beziehung

3.2 Romanarten, Postmoderne
3.3 Erzählgerüst

3.4 Sprachstil
4 Koalitionskriege zu Beginn des 19. Jhds

5  Tasmanien

6  Industrielle Revolution und Folgen

7 Das Franklinsche System und Folgen
7.1 Kindheit
7.2 Lehrjahre
7.3 Reife

8 Aktualisierung

9 Aufsatzthemen

10 Literatur

 

2 Inhaltsstruktur des Romans

                 Erster Teil: John Franklins Jugend

1. Kapitel: Das Dorf

John Franklin ist als zehnjähriger Junge äußerst langsam und kann beim Spielen keinen Ball fangen, er ist nur geeignet zum Schnurhalten und sieht dann aus wie eine Vogelscheuche.
 

2. Kapitel. Der Zehnjährige und die Küste. Er macht sich auf, um an die Küste zu gehen. Sein Ziel ist es, auf ein Schiff zu kommen. Sein Vater beendet die Flucht, nimmt ihn in Empfang und verabreicht ihm die obligatorische Prügel.


3. Kapitel: Dr. Orme

Dr. Orme arbeitet als Lateinlehrer und zuhause setzt er seine wissenschaftlichen Experimente fort. John muss in den Kerker, weil er seinen Lehrer Burnaby festgehalten hat, der seine Antwort nicht abwarten will

4. Kapitel: Die Reise nach Lissabon

John fährt auf einem Schiff und versucht sich mit Rechenaufgaben von der Seekrankheit abzulenken (44). Er entscheidet sich für Seefahrt und Krieg und seine Eltern unterstützten sein Vorhaben.


5. Kapitel: Kopenhagen 1801
John lernte die seemännischen Begriffe auf dem Schiff mühevoll auswendig: (56)
Trekroner, ein neuer Begriff, war die stärkste Küstenbatterie vor Kopenhagen und es kommt zur Schlacht. Eine Kanonenkugel tötet die Hälfte der Mannschaft und zum ersten Mal erwürgt er einen Feind, der an Bord gehen will.

 

zweiter Teil: John Franklin erlernt seinen Beruf

 

6. Kapitel: Zum Kap der Guten Hoffnung

John reist mit seinem Onkel Matthew als fünfzehnjähriger Midshipman auf der Investigator. Über ein Gespräch geht der Kontakt mit Mary Rose nicht hinaus.

 

7. Kapitel: Terra australis

Auf der Rückfahrt von Australien treffen sie auf ein französisches Kriegsschiff, das mit mehr Kanonen ausgestattet ist als ihr eigenes Schiff. John Franklin glaubt den Befehl, dass er den weißen „Lappen“ hochziehen soll, gehört zu haben und zieht ihn auf. Dies rettet der Mannschaft das Leben.


8. Kapitel: Die lange Heimreise
Er nimmt jetzt die Funktion eines Signalfähnrichs auf dem Flaggschiff Earl Camden unter Kapitän Dance ein. „Für den Krieg sind alle zu langsam“ (117). Sie treffen auf Franzosen, die flüchten. Sie fahren nach Portsmouth zurück. Mary Rose ist noch da und sie betont, dass sie die Langsamkeit von John fasziniert.
 

9. Kapitel: Trafalgar (125)
John geht zu Dr. Orme, der ein Gerät konstruiert hat, bei der mit einer Kurbel eine Sinnestäuschung möglich wird. Orme stellt fest, dass er bei diesem Experiment eindeutig der Langsamste ist. Er nimmt einen neuen Auftrag auf der Bellerophon an. James Cooke wird neuer Kapitän. Es kommt zur Schlacht mit einem französischen Zweidecker. John erschieĂźt nach langem Zielen einen französischen Soldaten, der als ScharfschĂĽtze seine Kameraden attakiert.. Admiral Nelson wird während dieser Schlacht erschossen. 
 

10. Kapitel: Kriegsende (149)

Nach einer schweren Verwundung sieht er im Alptraum einen Lahmen, der vom Blinden getragen wird. John ist mit 29 Jahren bereits 10 Jahre im Krieg. hörte, dass sein Freund Sherard Philip Lound seine Kapitänsstelle aufgegeben hat und in Australien lebte. Sein Wunschtraum ist es, zum Nordpol zu fahren. Er erfährt, dass es in Boston Ludditen gibt, das sind Arbeitslose,die sich nachts die Gesichter schwarz malen und die mechanischen Webstühle zerschlagen.

 

dritter Teil: Franklins Gebiet (167)
 

11. Kapitel: Der eigene Kopf und die fremden Ideen

Dr. Orme war inzwischen gestorben und hat ihm zwei Handschriften hinterlassen:
 
12. Kapitel: Die Reise ins Eis (185)
Er übernimmt als Kapitän die „Trent“ und fährt am 25. April 1818 zum Nordpol. Als sie über den 82. Breitengrad kommen. liest er die Ausführungen von Dr. Orme über die Zeit (208). „Wenn ein Langsamer es schaffte, mit einem schnellen Beruf zu leben, dann war er immer besser als andere“, behauptet er.
Sie kehren nach London zurĂĽck und obwohl er die Nordwestpassage nicht gefunden hat, wird er mit groĂźem Jubel empfangen.
 
13. Kapitel: Flussfahrt zur arktischen KĂĽste (211)
 John macht sich 1819 als Leiter einer Expedition mit dem kleinen Schiff „Prince of Wales“ zum Nordpol auf. Die Admiralität gibt als Ziel vor, dass die Indianer- und Eskimostämme aufgezeichnet werden und man Tauschhandel betreiben soll zur positiven Kontaktpflege.


14. Kapitel: Hunger und Sterben (240)
Sie kommen an eine Stelle am Bloody Fall, wo fünfzig Jahre vorher Samuel Hearne mit seiner Crew stirbt. John sitzt ruhig und trägt jede Insel ein. Der Pemmikan geht zur Neige und der Hunger schafft naturgemäß eine Langsamkeit. Aus Hunger essen sie halb verwitterte Rentierhaut und das Oberleder der Ersatzstiefel, ebenso tripes de roche, eine Art Kraut, das sie unter dem Schnee hervorkratzen. m 7. November trifft Akaitcho mit zwanzig Kriegern am Fort Enterprise ein und sie waren gerettet.

15. Kapitel: Ruhm und Ehre (266)
Ein neues Kommando ist nicht in Sicht und John denkt immer noch ĂĽber die Nordwestpassage nach. Er beschlieĂźt, ein Buch ĂĽber diese Arktis-Expedition zu schreiben, das ihn als tapferen Forscher ausweist. FĂĽr die Londoner ist er der Mann, der seine Stiefel gegessen hat. Seine Frau Eleanor wird krank und stirbt, kurz bevor John wieder auf Expedition geht.
Die zweite Landreise von 1825 bis 1827 bereitet keine Schwierigkeiten, aber die Nordwestpassage wird wiederum nicht entdeckt. Sein inzwischen erschienenes zweites Buch verkauft sich gut.
London dampft. Der Zuwachs an Apparaten, Maschinen und Eisenkonstruktionen ist Sinnbild für den damaligen Fortschritt (286). Sir John Franklin, er ist inzwischen geadelt, verlobt sich mit Jane Griffin. Schließlich bietet man ihm den Posten eines Gouverneurs von Van Diemens Land an, einer Insel südlich von Australien, die von den Engländern als Strafkolonie genutzt wird.
 


 

sechzehntes Kapitel: Die Strafkolonie

Sein Vorgänger George Arthur hat den Posten zwölf Jahre innegehabt und die Ureinwohner fast ausgelöscht, in Gefängnissen herrschte Korruption und im Jugendgefängnis müssen regelmäßig Selbstmörder registriert werden. Arthur führt auch das „Assignment“ ein, d. h., Strafgefangene werden als Arbeitskräfte in den Farmen beschäftigt, ein reines Ausbeutungssystem. John setzt sich für eine gerechte Behandlung der Gefangenen ein, auch mit der Möglichkeit, nach Verbüßung der Strafe ein Stück Land zu erwerben. Aber der Koloniesekretär Montagu hintertreibt seine Vorschläge in England.

siebzehntes Kapitel: Der Mann am Meer
 John trifft auf auf seinen Freund Sherard Lound, der wegen Piraterie eingesessen hatte, jetzt freikommt. Er wĂĽnscht sich eine neue Schule, in der SchĂĽler entdecken lernen, die Lehrer keinen zur Eile antreiben und selbst Entdecker sein sollen. Eines Tages kommt sein Nachfolger Eardley und er wird feierlich verabschiedet

achtzehntes Kapitel: Erebus und Terror
Premierminister Peel möchte John als Beauftragten für Erziehung haben, der ablehnt. Er übernimmt stattdessen die Leitung der beiden Schiffe Erebus und Terror, um doch noch die Nordwestpassage zu finden.


neunzehntes Kapitel: Die groĂźe Passage
Bis zum Wintereinbruch 1845 sucht er eine Durchfahrt im Norden. Als er mit einem Sextanten arbeitet, fällt er in Ohnmacht (347). Er wird jetzt an der Küste von King Williams Land mit seinem Schiff endgültig vom Eis eingeschlossen und der Skorbut fordert seine ersten Opfer. Bei einem Erkundungsmarsch im Mai 1847 finden Offiziere und Matrosen von der „Erebus“ die Nordwestpassage, die aber aufgrund des Eises vollkommen nutzlos ist. Am 11. Juni 1847 stirbt Sir John Franklin, Konteradmiral der königlichen Marine, im zweiundsechzigsten Lebensjahr an einem weiteren Schlaganfall und wird im Eis beerdigt. Suchtrupps finden am 8. Mai 1859 einen Zettel auf King Williams Land unter einer Steinpyramide, der Auskunft über den Tod der Mannschaften und John Franklin gibt. Sie sind, wie es hier vermerkt wird, an Skorbut gestorben und die Eskimos haben ihnen nicht mehr helfen können.


Mögliche Unterrichtsplanung und Leseaufgaben:
1. U-Stunde: Titel-Text-Beziehung, Biografie
2. U-Stunde: Lesen des Romananfangs bis S. 14, Hausaufg. Lesen bis S. 42
3. U-Stunde: der AuĂźenseiter, Dr. Orme, Hausaufg. Lesen bis S. 113
4. U-Stunde: historische Fakten, Johns Kriegsteilnahme, Hausaufg. Lesen bis. S. 142
5. U-Stunde: Schlacht von Trafalgar, Johns Einstellung zum Krieg. Hausaufg. Vorb. „Indus-

   strielle Revolution
6. U-Stunde: Industrielle Revolution im Roman, Hausaufg. Lesen bis S. 169
7. U-Stunde: soziale Auswirkungen der Industr. Revolution, Hausaufg. Lesen bis S. 211
8. U-Stunde: Arktis-Expedition als Gegenpol zu London, Franklinsches System, Hausaufg.
   Lesen bis. S. 266
9. U-Stunde: Nordwestpassage, 2. Expedition, Hausaufg. Lesen bis S. 293
10. U-Stunde: Zeitbegriff in der Wirtschaft, „Zeit ist Geld“ (Benjamin Franklin) antithetische
     Ăśberlegungen
11. U-Stunde: 3. Expedition, Jane Griffin, Hausaufg. Lesen bis S. 315
12. U-Stunde: Tasmanien, Hausaufg. Lesen bis Romanende
13. U-Stunde: letzte Expedition, Johns Tod, historische Suchexpeditionen

 

Konnotationen zur Langsamkeit: Gemütlichkeit, Genauigkeit, Störung des Bewegungsablaufs, Nachdenklichkeit,


zur Schnelligkeit: Hetze, Unüberlegtheit, Ungeduld, Stress, Mobilität
 

Entdecken bzw. Entdeckung: Etwas Neues herauszufinden, dass der Menschheit nĂĽtzen kann.

 

Ăśberleitung zum Roman:

Lesen des 1. Kapitels

einige Zitate:


“John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte“ (S. 9).

“Vielleicht war in ganz England keiner, der eine Stunde und länger nur stehen und eine Schnur halten konnte“ (S. 9).

 

„Hannah Franklin war die langsamste Mutter weit und breit“ (S. 13).

 

„Er musste jetzt Schnelligkeit studieren wie andere Menschen die Bibel oder die Spuren des Wildes. Eines Tages würde er schneller sein als alle, die ihm jetzt noch überlegen waren“ (S. 16).

 

Postmoderne/Postmodernismus,

 

Bezeichnung für die kulturgeschichtliche Periode nach der Moderne bzw. für ästhetisch-philosophische Ansätze und kulturelle Konfigurationen dieser Zeit. Meist gelten die künstlerischen, politischen und medialen Umbrüche der 60er Jahre in den USA als Ausgangspunkt für die P. [...] Hingegen bezeichnet der Begriff ‚Postmodernismus’ die für diese Epoche typischen literarischen Stilrichtungen und kulturellen Phänomene. –

Während die P. in vielerlei Hinsicht als Fortsetzung und Radikalisierung der in der Moderne angelegten Erkenntnisskepsis und Repräsentationskrise gesehen werden kann, markiert sie andererseits den Bruch mit dem elitären Kunstverständnis und Wissensbegriff der Moderne: ‚Hochkultur’ und Populärkultur greifen ineinander, eine Vielzahl von Minderheiten- und Subkulturen stellen dominante Wertmaßstäbe und Konzepte in Frage, Politik und Performance werden von den omnipräsenten Medien nahtlos verwoben, und die ‚Logik des Spätkapitalismus’ (F. Jameson) bestimmt Kunst und Kommerz gleichermaßen. [...]

Künstlerisch fand die P. in zahllosen Projekten von Architektur [...] über bildende Kunst [...], Film [...] und nicht zuletzt Literatur [...] Ausdruck. Viele der höchst unterschiedlichen Künstler, die der P. zugerechnet werden, betreiben den provokativ oder spielerisch inszenierten Bruch mit tradierten Kunstkonzepten und Weltanschauungen (anything goes). Daneben erweist sich die teils apokalyptisch, teils ironisch gefärbte Rede vom Ende der Kunst (nothing new) als dominantes Thema, das im Zitat- und Verweischarakter postmoderner Kunst und Literatur reflektiert wird. Beide Positionen führen zur Verarbeitung etablierter Codes und Stile durch die formalen Mittel von Parodie, Plagiat, Pastiche (Sonderform der Parodie, der die Polemik fehlt) und Collage. [...] V.a. Film und Literatur reflektieren ein verändertes Verständnis von Kunst als Experimentierfeld eher denn als Sinnfindungsinstanz, so dass sich phantastische Handlungselemente, metafiktionale Verweise [...], absurde Sprachspiele und Genre-Brüche [...] häufen [...].

Dominierende postmoderne Elemente: Bruch mit dem elitären Kunstverständnis der Moderne durch Ăśberzeichnung des Genie-Begriffs; metafiktionale Elemente, d. h. die Fiktionalität wird bewusst betont, z. B. die Fiktionalität des Geschichtsromans. Der Roman als Experimentierfeld mit fantastischen Elementen und GenrebrĂĽchen. 


Die Mischung der Genres in „Die Entdeckung der Langsamkeit“, selbst innerhalb der Kapitel, ist ein wichtiges Merkmal der postmodernen Literatur.

 

3.3 Erzählgerüst

 

Ein Er-, Sie-Erzähler in personaler, auktorialer und neutraler Erzählform kann im Roman nachgewiesen werden. Dabei werden erlebte Rede, direkte, indirekte Rede und Erzählbericht nachlesbar.

Der Erzähler kennt die Gedanken, Wünsche, Hoffnungen und Ängste des Protagonisten genau, s. S. 9, und verfügt über seine Innensicht.

Der Erzählbericht über die betrunkenen Matrosen, S. 52. Bewertende (auktoriale) Erzählform findet sich auch auf S. 271, als er über den Reisebericht nachdenkt. Indirekte Rede äußert der Vater auf S. 16, als er meint, dass er seinen Jüngsten ordentlich verdreschen müsse. Auf dieser Seite kann auch die direkte Rede gelesen werden. Hier findet sich ein Wechsel von der erlebten Rede zum inneren Monolog. „Er musste jetzt Schnelligkeit studieren […]. Ich möchte richtig rasen können, dachte er, […]“ (S. 16).Der Bericht von Dr. Orme für John wird in neutraler Erzählform wiedergegeben.
Auf S. 63 realisiert er eine Kopie der filmischen Darstellung mit unterschiedlicher Kameraeinstellung im Text.

3.4 Stil

 

Auf außergewöhnliche Metaphern verzichtet der Autor, die schnelle Bilderfolge, der Themenwechsel schaffen Abwechslung beim Lesen. Er passt den Erzählstil dem Entwicklungsniveau des Helden und dem situativen Kontext an. Im ersten Kapitel schreibt er naiv. Wissenschaftliche Überlegungen werden auch so dargestellt, s. Dr. Orme auf S. 172 f. Beim Beobachten der Kameraden durch John wird Ironie deutlich, S. 172 f. Die Ironie wird auch kombiniert mit einer witzigen Bemerkung, „Die härteste Arbeit war der Tee bei der Madame la Dauphine, […]“, S. 289.
Eine groteske Beschreibung findet sich bei Miss Tuttle auf S. 272 f.                            

4 Englands Kriege zu Beginn des 19. Jhds

 

4.1 Literarische Grundlagen

 

John Franklin nimmt als Fünfzehnjähriger 1801 an der Schlacht von Kopenhagen teil, bei der die Engländer die dänische Flotte bombardieren, um die neutrale Schifffahrt zu kontrollieren.

Er wird gezwungen, einen dänischen Seemann zu erwürgen (S. 58 – 67).

 

Nachdem die Engländer die französischen Kolonien besetzt haben, wendet sich Napoleon Richtung Westindien, wird aber von Nelson am Kap von Trafalgar gestellt, wobei er selbst stirbt und die französich-spanische Flotte fast vollständig vernichtet wird. Franklin befindet sich auf dem Kriegsschiff Investigator und es gelingt ihm, Kampfhandlungen zu vermeiden (S. 100 f.).

 

Als Signalfähnrich fährt John auf dem morschen Handelsschiff „Earl Camden“ im südchinesischen Meer, als sie von französischen Kriegsschiffen gestellt werden. Er beschließt nicht mehr zu kämpfen, nach seiner Meinung sind alle für den Krieg zu langsam. Die Kriegsschiffe drehen ab und werden noch eine Zeitlang verfolgt (S. 110 – 120). Nach Ansicht von Dr. Orme ist die Kriegsmarine für John Franklin eine Qual (S. 55).

4.2  Historische Grundlagen

 

  • 1793 Frankreich erklärt England und Holland den Krieg. England versucht auf den französischen BĂĽrgerkrieg einzuwirken, um die französischen Zuckerplantagen in Westindien zu erhalten. Eine ĂĽberlegene englische Flotte unter Hood segelt ins Mittelmeer Richtung Toulon. Die Royalisten ĂĽbergeben den Engländern die Stadt fĂĽr König Ludwig XVII. und die royalistisch gesinnten französischen Marineoffiziere verbĂĽndeten sich mit den Engländern. Hood besetzt Korsika und Elba, um eine französische Invasion nach Italien von der Flanke aus zu bedrohen. Da die Engländer gleichzeitig Hahiti besetzen, wird Spanien provoziert. Nun versucht England die Aufständigen in der VendĂ©e und Bretagne zu unterstĂĽtzen, aber die Royalisten werden geschlagen.
  • 1795 brachte die Wende zugunsten Frankreichs. PreuĂźen scheidet aus, Spanien tritt Spanisch-San Domingo an Frankreich ab und tritt offen auf die Seite Frankreichs, besonders motiviert durch das Eindringen der Engländer in Westindien. Frankreich hält Europa von Holland bis Rom im Verbund mit Spanien besetzt.
  • 1797 Nachdem Ă–sterreich Frieden beschlieĂźt, scheint eine französische Invasion von allen Häfen der europäischen WestkĂĽste gegen England bevorzustehen. In England brechen Meutereien aus und die allgemeine Teuerung, die Missernten und die Arbeitslosigkeit haben den Menschen den Krieg verhasst gemacht, so dass Pitt im Juli in den Verhandlungen den Frieden unter Belassung Belgiens an Frankreich anbietet, aber vergebens.
  • 1798 läuft eine englische Flotte wieder ins Mittelmeer ein, um Neapel zu schĂĽtzen und Ă–sterreich zur Wiederaufnahme des Kampfes zu ermutigen
  • Nelson schneidet Napoleon von Europa ab. Die Folge ist die zweite Koalition gegen Frankreich und die Behauptung der englischen Seegeltung.
  • 1800 Gegen den Anspruch der Engländer auf Kontrolle der neutralen Schifffahrt bildet sich eine Liga der „bewaffneten Neutralität“ mit Russland, Dänemark, Schweden und PreuĂźen gegen England.
  • 1801 Der Tod des Zaren Paul I., der kĂĽhne VorstoĂź der britischen Seestreitkräfte in die Ostsee mit der Bombardierung der dänischen Flotten vor Kopenhagen löst die Liga auf.
  • 1802 Frieden von Amiens; den auch Spanien mitunterzeichnet. Ăśbergabe der Eroberungen in Ăśbersee von England an Frankreich, Spanien und Holland. England behält lediglich Ceylon von Holland und Trinidad von Spanien. Es kommt nicht zur RĂĽckgewinnung der europäischen Märkte fĂĽr England, der Freihandelsvertrag von 1786 mit Frankreich wird nicht erneuert.
  • 1803 Das Zollgesetz schĂĽtzt den französischen Markt vor britischen Waren. Napoleon verkauft Louisiana an die Vereinigten Staaten. Im Mai herrscht wieder Kriegszustand. England besetzt alle französischen Kolonien und Napoleon erlässt daraufhin eine europäische Hafensperre und besetzt Hannover.
  • 1805 Kampf von Nelson gegen die französisch-spanischen Truppen und Sieg am Kap von Trafalgar ohne Schiffsverluste, aber Nelson stirbt.
  • 1806 Schlacht NapolĂ©ons bei Austerlitz und Vorherrschaft der Franzosen, aber England bleibt nach der Schlacht von Trafalgar erste Seenation gegenĂĽber dem spanisch-französischen Seebund. AuĂźerdem fördern die Engländer die nationalen Unabhängigkeitsberstrebungen und unterstĂĽtzen Schattenregierungen. NapolĂ©on weicht auf einen Wirtschaftskrieg gegenĂĽber den Engländern aus.
  • 1807 Die Engländer unterbinden die KĂĽstenschifffahrt zwischen Frankreich und den Alliierten. Der europäische Handel erfolgt ĂĽber britische Häfen. Russland erklärt England den Krieg und zwang Schweden Finnland abzutreten.
  • 1812 Die USA wehren sich gegen diese Einschränkungen, es kommt zu einer Allianz mit NapolĂ©on und zu einem zweiten Unabhängigkeitskrieg von 1812 – 1814 zwischen der USA und England.
  • 1814 Einflussnahme der Engländer bei den Wiener Verhandlungen durch Subsidienzahlung (UnterstĂĽtzungsmittel). Castlereagh, der britische AuĂźensekretär, legt in Basel mit Metternich gemeinsame europäische Richtlinien fest.
  • Literatur: Tasmanien-Problematik

    Franklin lehnt den Posten als Kampfkommandant ab und erhält von Kolonialminister den Gouverneursposten in Van Diemen´s Land. Er reist mit seiner Frau Lady Jane zu dieser britischen Strafkolonie und löst Sir George Arthur ab.

    Zielvorstellung: Die Erfahrungen als Arktisforscher auf die Politik zu ĂĽbertragen, was auf Grund des korruptiven Systems nicht funktionieren kann.

    Assignment-System: Strafgefangenen werden den weißen Siedler als Arbeitskräfte zugewiesen und ausgebeutet (S. 290).

    Zwei Gegenfiguren:

    Privatsekretär Captain Alexander Maconochie: ehrgeizig, wollte selbst Gouverneur werden, Humanisierung des Strafvollzugs (Ablehnung des Assignment), eher Theoretiker als Praktiker, „Büroarbeit liegt mir wenig“ (s. 309).

    Koloniesekretär John Montagu, Schwiegersohn von George Arthur, war der politische Kopf der Regierung, sehr kompetent und intrigant (S. 305). Er vergaß „keinen Termin und nicht die geringste Kränkung“ und wirkt von äußerer Gestalt abstoßend (S. 297). Franklin hat ihn entlassen und danach betreibt er mit Erfolg in London seinen Sturz (S. 331).Damit John eine Sitzung mitverfolgen kann, will er sie öffentlich gestalten, so sind die Vertreter gezwungen, sich langsam zu äußern (S. 300).

    Legislativrat: (drei Siedler und sechs Regierungsvertreter)
    Exekutivrat: Beamte, Anhänger des korrupten Systems von George Arthur.

     

     

    Was hat Franklin in Van Diemen´s Land erreicht?
     

    Milieuinformationen aus dem Werk:

     

    1. fauliger Geruch der Kellerwohnung, Kinderprostitution, S. 334

     

    2. Jugendkriminalität, S. 182, 334


    3. Kinderarbeit, S. 124, Verelendung der Bauern, S. 124, Zunahme der Kriminalität, S. 146

     

    4. Drill in der Schule, S. 30 ff.
     

     

     

    5. brutale Misshandlungen in der Marine, S. 52

    6. Arbeitslosigkeit, S. 157, 166 ff, Armut in den Städten, S. 144 f..
     

    7.2 Kindheit des literarischen Franklin

     

    Jugend in Spilsby (Kap. 1 – 5), Außenseiterproblem: „John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte“ (S. 9). Tranfunzel (S. 14), Vogelscheuche (S. 9), bekommt Schläge aufgrund seiner Langsamkeit (S. 16). Er wird zum Außenseiter stigmatisiert, dem es nur langsam gelingt, aus seiner Not der Langsamkeit eine Tugend zu machen.

    Positive Figuren:

    Kapitän Matthew Flinders erzählt ihm von der Seefahrt und verspricht ihm eine Anstellung als midshipman (Offiziersanwärter).

    Dr. Orme, der einzige Lehrer im Internat, der nie brüllt oder prügelt (S. 34). Er untersucht experimentell die Langsamkeit seines Schülers (S. 44, 27, 126) und verfasst eine Abhandlung über „Die Entstehung des Individuums durch Geschwindigkeit“ (S. 207 f.), er gibt ein Empfehlungsschreiben für die Marine mit (S. 55).


    7.3 Lehrjahre
    John ist gründlicher und kann außergewöhnlich gut beobachten, daher gelingt es ihm als Internatsschüler (S. 22), aufgrund des Sonnenstandes und der Bodensteigungen den Weg zurückzufinden, aber man hört ihm nicht zu. Diese Eigenschaften erweisen sich für einen Seemann besonders vorteilhaft, denn Sorgfalt, Langsamkeit und Ausdauer sind wichtige Tugenden in diesem Beruf. Als Volontär auf der „Polyphemus“ erlebt er unter Kapitän Lawford seine erste Schlacht und tötet einen Dänen (S. 64). Dieses Ereignis bekräftigt ihn in seiner Antikriegshaltung. Als midshipman fährt er mit seinem Freund Sherard Lound unter Kapitän Matthew Flinders, einem Verlobten seiner Tante Ann Chapell, auf dem Forschungsschiff „Investigator“ Er vermeidet durch das falsche Aufziehen einer weißen Fahne die kriegerische Auseinandersetzung mit einem französischen Schiff, das sich als Forschungsschiff herausstellt. Seine Langsamkeit betont er auch gegenüber Kapitän Dance auf dem Flaggschiff „Earl Camden“, als er ihm deutlich macht, dass er einen eigenen langsamen Rhythmus beim Erzählen hat. Dieser respektiert diese Besonderheit seines Signalfähnrichs.

     

    Erklärung einiger seemännischer Begriffe:

    S 75 die Segel brassen: Verstellung der Segel, um besser im Wind zu liegen

    Korvette: kleines Kriegsschiff

    S. 80 Takling spleißen: nicht lösbare Verbindung von Tauwerk
    Stengen laschen: zusammenbinden einer Mastverlängerung

    S. 82 Logleine: Messgerät zur Bestimmung der Fahrtgeschwindigkeit
    S. 83 Bilge: tiefste Stelle eines Schiffrumpfes
    S. 84 Spieren: alle Rundhölzer eines Schiffes mit Ausnahme des Mastes
    S. 85 Leeboot. Boot befindet sich auf der dem Wind abgewandten Stelle
             Halsen: Segelmanöver, bei dem das Boot mit dem Heck durch den Wind geht und die
             Segel auf der anderen Seite gefĂĽhrt werden.
    S. 89 Nock: das Ende einer Rah (segeltragende Bestandteile der Takelage)
    S. 94 Ösfass: kleines schaufelartiges Gefäß zum Schöpfen von Wasser
    S. 95 Vortopp: Spitze des Fockmastes (vorderster Mast)

    S. 97 Tampen aufschieĂźen:  Tampen ist ein Seil, aufschieĂźen – aufrollen eines Taus, das man sofort wieder verwenden kann.
    S. 98 der Bugspriet: eine fest mit dem Segelschiff verbundene ĂĽber die Galion hinausgehende Spiere.
    aufgeien: zusammenziehen der Segel, um die Fahrt zu verringern

    7.4 Reife

     

    Gerade das franklinsche System seiner Eigenschaften, die auf der Langsamkeit aufbauen wie Sorgfalt, Ausdauer, GrĂĽndlichkeit, FleiĂź, Toleranz, Mitmenschlichkeit, Beobachtungsgabe  eignen sich fĂĽr seine weitere Tätigkeit als Kapitän eines Forschungsschiffes, um die Arktis zu erforschen, besser als  Hektik, Ungeduld, Oberflächlichkeit, RĂĽcksichtslosigkeit, Egoismus und Aggressivität.

     

    1. Arktisreise (1818 )

    2. Arktisreise (1819 – 1822)

    3. Arktisreise (1825 - 1827)

    - Kapitän der „Trent“

    - Konflikte mit George Back

      (S. 186)
    - Festfrieren der beiden

       Schiffe (S. 197)

    - Verirrung bei einer FuĂź-

       wanderung und RĂĽckfĂĽh-
       rung (S. 198 f.)
    - Freiziehen der festgefrore-

      nen „Dorothea“ (S. 205)
    - Ăśberqueren des 82. Brei-
       tengrades und Lesen des

       Berichts von Dr. Orme
       (S. 207)

    - RĂĽckkehr nach London und

       Jubel (S. 209)

     

    Route:

    - die York Factory an der WestkĂĽste der Hudsonbai (S. 214)

    - den Winnipegsee, Saskatchewanfluss (S. 217)

    - Cumberland House (S. 217)
    - Fort Chipewyan (S. 220)
    - Fort Providence (S. 222)

    - Gelbmesserfluss/Yellow-knife (S. 227)

    -Wintersee (S. 230)

    - Fort Enterprise (S. 231)

    - Kupferminenfluss/ Cuppermine-River (S. 227)

    - Point Turnagain (S. 244)

    - Coronation Golf (S. 246)

    - Hoodfluss (S. 247)

    - Cuppermine-River (S. 253

    - Fort Enterprise (S. 264)

    Zwischenmenschliche Beziehungen stehen im Vordergrund (Back, Dr. Richardson, Tötung von Michel, Akaitcho

    - zweite Landreise (S. 283)

    - keine größeren Probleme

    - gute Boote und ausreichend Proviant

    - Tagebuch (S. 284)
    - Beobachtung der Natur und Kontakt mit den Eskimos

    - Erforschung der KĂĽstenstrecke und kartographieren

    - kein Entdecken der Nordwestpassage (S. 285)


     

    4. Arktisreise (1845 – 1847)

    Ein neuer Ozean entsteht: Nordwestpassage eisfrei

    Aufbruch des 59-jährigen John Franklin mit den beiden Schiffen „Terror“ und „Erebus“ (134 Seeleute), S. 345

    - Themse abwärts, Stopp auf den Orkney-Inseln, Westküste Grönlands bis zur Baffin Bai, Begegnung mit dem Walfangschiff „Enterprise“-

    -Lancaster Sound durch den Wellington Channel an Devon Island, Cornwallis Island, Winterlager auf Beechey Island.

    - Sommer 1846 durch Peel Sound bis nach King William Island. S. 348
    - 15. Juli 1846 Schlaganfall von Franklin, S. 347

    Auffinden der Nordwestpassage durch Offiziere und Matrosen der „Erebus“, die aber aufgrund des Eises vollkommen nutzlos war S 350.

    - 11. Juni 1847 Tod auf der „Erebus“ S. 350

    - Aufbrechen der noch verbliebenen 105 Seeleute und Tod S.  354.
    _____________

    Aufbrechen der Suchexpeditionen
    S. 351 ff.

     

     

     

    9  Aufsatzideen:


    Erörtern Sie das Franklinsche System und stellen Sie dar, wie Sie sich eine Gesellschaft entwickeln soll, die gemäß den Grundsätzen dieses Systems lebt.


    Klären Sie die Bedeutung der Erzählung vom Lahmen und vom Blinden (S. 144 – 155) im Kontext des Romans.


    Beschreiben Sie John Franklins Entwicklung vom gedemĂĽtigten AuĂźenseiter zum geachteten und gefeierten Kommandanten und Arktisforscher.

     

    „Die Entdeckung der Langsamkeit ist also kein wissenschafts- und technikfeindliches Buch, sondern ein Buch, das Wissenschaft und Technik als die vom Menschen erschaffenen Mittel zu einer menschenwürdigen Existenz versteht.“

    Nehmen Sie kritisch Stellung zu der Aussage von Wolfgang FrĂĽhwald.

     

    Welche Bedeutung hat die Fremde für das Leben von John Franklin vor dem Hintergrund des Romans „Die Entdeckung der Langsamkeit“..


    “Ich möchte, dass jeder eine Chance hat“ (S. 332).

    Beurteilen Sie diese Aussage im Hinblick auf das Leben von Franklin.


    Kurz vor seinem Tod sitzt John Franklin an Bord des Schiffes „Terror“, das vor King Williams Land vom Eis eingeschlossen ist.
    Er lässt sein Leben Revue passieren und zieht Bilanz. Schreiben Sie diesen inneren Monolog.

    Erörtern Sie, inwieweit soziale Auswirkungen der Industriellen Revolution im Roman von Sten Nadolny erkennbar werden.


    John Franklin arbeitete im Roman von Nadolny auch als Gouverneur in Van Diemen´s Land und scheiterte.
    Untersuchen Sie die GrĂĽnde fĂĽr sein Scheitern.
     

    „Zeit ist Geld“ (B. Franklin).
    Beurteilen Sie diese Aussage des frĂĽheren amerikanischen Staatsmanns kritisch.

    10 Literatur



    10.1 Munaretto; Stefan (2009): Erläuterungen zu Sten Nadolny „Die Entdeckung der
     Langsamkeit“. Königs Erläuterungen und Materialien. Bange Verlag Hollfeld.
     Band 427.

     

    10.2 Nadolny, Sten (2001): Das Erzählen und die guten Ideen. Die Göttinger und
     MĂĽnchner Poetik-Vorlesungen. Piper Verlag MĂĽnchen. Nr. 3-492-23433-x.

    10.3 Kohpeiß, Ralph (2003): Sten Nadolny „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Olden-

     bourg Interpretationen. Oldenbourg Verlag MĂĽnchen. ISBN 3-486-88676-2.

    10.4 Flad, Helmut (2008): Sten Nadolny „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Cornelsen
     Verlag Berlin. ISBN 978-3-464-61562-1.

    10.5 Bunzel, Wolfgang (Hrsg.) (1996): Sten Nadolny. Edition Klaus Isele Eggingen.

     ISBN 3-86142-064-3

    10.6 Berger, Norbert (2004): Sten Nadolny „Die Entdeckung der Langsamkeit“ Unter-
     richtshilfen mit Kopiervorlagen fĂĽr die Sekundarstufe II. Auer Verlag Donau-
     wörth. ISBN 3-403-04039-9.

     

    10.7 Franklin, John (1988): VorstoĂź in die kanadische Arktis. Klassische Reisen. VEB
     F. A. Brockhaus Verlag Leipzig. ISBN 3-325-00129-7

     

    10.8 Desius Klasing Verlag, Bielefeld: Mit Arved Fuchs durch die Nordwestpassage.
      Der Mythos eines Seeweges. DVD, ca. 60 Minuten. 24,90 €.