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Kreatives Schreiben
Bei der Implementierung der mittleren Bildungsstandards in einen neuen Deutsch-Lehrplan für die Handelsschulen, der ab dem Schuljahr 2005 eingesetzt werden soll, muss auch das neue Lernfeld „Kreatives Schreiben“ vorgesehen und im Unterricht behandelt werden.
Was versteht man unter diesem Lernfeld?
Schüler sollen spielend mit „fertiger“ Literatur der drei Literaturgattungen weiterarbeiten und damit auch bestimmte Stilfiguren kennen lernen, auf Bildimpulse literarisch reagieren, eigenständig unterbrochene kurzepische Texte nach eigenen Vorstellungen zu Ende schreiben, im Stil eines Autors selbst ein Gedicht zu einer lebensnahen Thematik formulieren, ein Gedicht in einen Prosatext umschreiben, die Erzählperspektive einer Kurzgeschichte verändern, d.h. ein Ich-Erzähler kann z.B. zu einem personalen Erzähler verändert werden, die Erzählzeit verändern, d.h. verstärkte Berücksichtigung direkter Rede als Zeitdeckung und damit die Betonung dramatischer Elemente in einem kurzepischen Text (Üben des dialogischen Schreibens) , Gefühle nicht nur beschreiben, sondern durch Reaktionen der fiktionalen Personen veranschaulichen, glaubhaftes Einbringen vorher mit Charaktermerkmalen festgelegten Figuren, Heiratsanzeigen aufgreifen und sie zu einer Geschichte verändern oder von einer begrenzten Zahl von Inhaltsfacetten in Form von Sätzen als eine Gedankenkette eine Kriminalstory schreiben, aus der Sicht eines Ausländers gesellschaftliche Phänomene beobachten, d.h. hier wird das Hineinversetzen in fremde Personen sehr wichtig werden usw. Die fertig gestellten Arbeiten müssen von den Schülern immer wieder überarbeitet und in der Klassengemeinschaft diskutiert werden.
Welche Lernziele lassen sich mit diesem Lernfeld verbinden?
Der Schüler soll
1. seine Fähigkeit zum Schreiben entdecken, 2. durch das Schreiben den eigenen Ausdruck schulen, allgemein Welt begreifen und durch
das Schreiben experimentell erfahren, 3. handwerkliche Grundfertigkeiten des literarischen Schreibens erlernen, 4. Schreiberfahrung und Schreibprobleme artikulieren und 5. sachliche Urteile über Literatur formulieren können.
Wie kann phantasievoll kreativ mit Lyrik gearbeitet werden? Lyrik ist den Schülern nicht leicht zu vermitteln, deshalb können am Anfang Spiele stehen, um eine gewisse Unbefangenheit herzustellen. 1. die Phantasiereise:
Auf ein Blatt werden drei Begriffe notiert, wie z. B. Baumstumpf, Hütte und Bach.
Der Lehrer gibt einige Informationen, während die Schüler mit geschlossenen Augen zuhören.
„Wir stellen uns vor, wir seien ein Baumstumpf in einem Gebirgswald. Ich fühle mich als Baumstumpf. Was könnte mir als Baumstumpf widerfahren? Wie sehe ich aus? In der Nähe des Baumstumpfes befindet sich eine Hütte. Wir werden diese Hütte. Ich fühle mich als Hütte. Wie sieht es in meinem Inneren aus? Was sehe ich, wenn ich aus meinem Fenster schaue?
Neben der Hütte fließt ein Bach. Wir werden dieser Bach. Ich stelle mir vor, der Bach würde etwas zu der Hütte sagen. … Anschließend schreiben die Schüler in freien Versen über das, was sie phantasiert haben.
2. Hinführung zur visuellen Form
z.B. Eugen Gomringer: Wind, Timm Ulrichs: stets und ordnung
Übung: ähnliche Strukturen mit Kreuz, Stern, Karussell, unregelmäßig, Verwirrung, Chaos
3. Konstellationen komponieren
Isolierte Wörter werden einander in bestimmter Weise zugeordnet, damit wird dem Leser einen großen Spielraum eigener Deutung gelassen:
Schule Schule und Schüler
Schüler Schüler und Lehrer
Schule Schule und Lehrer
Schule und Schüler und Lehrer und Ein Alptraum
4. Wachsgedichte
1. Zeile: ein Substantiv (Wetter, Tages- und Jahreszeiten)
2. Zeile: ein Substantiv wird durch ein weiteres Substantiv näher bestimmt 3. Zeile: ein Substantiv wird durch ein Adjektiv oder Partizip näher bestimmt 4. Zeile. Das Substantiv wird durch „und“ in Beziehung gesetzt zu einem anderen durch ein Adjektiv bestimmtes Substantiv, mit dem es Gemeinsamkeiten hat oder gegensätzlich ist.
5. Zeile: ein abschließendes Wort oder ein abschließender Satz mit einem Wort der letzten Zeile
Wald
Wald im Winter Schwarzer Wald im Winter Schwarzer Wald im Winter und trauriger Mond Traurig.
Mädchen Mädchen am Fenster Lächelndes Mädchen am Fenster
Lächelndes Mädchen am Fenster und singender Vogel Wenn ich jetzt singe…
5. Elfchen
1. Zeile: eine Farbe (ein Wort) 2. Zeile: etwas, was diese Farbe hat (zwei Wörter)
3. Zeile: dessen genauere Bestimmung (drei Wörter) 4. Zeile: über mich selbst etwas, mit „ich“ beginnend (vier Wörter) 5. Zeile: ein abschließendes Wort (ein Wort)
Grau
Der Nebel Er umschließt mich
Ich sehe nicht mehr Allein…
Blau Deine Augen Sie blicken treu Ich glaub ihnen bald:
Verliebt?
6. Haikus
Haikus sind japanische Kurzgedichte, die aus drei Zeilen bestehen, von denen die 1. Zeile fünf, die 2. Zeile sieben und die 3. Zeile wieder fünf Silben hat. In der Regel werden Naturerscheinungen verarbeitet.
Jôsô ( 1661 – 1704)
In der Blütenpracht
sucht der Specht nichts andres als
einen dünnen Ast.
Buson (1715 – 1783)
Morgennebeldunst - Wie ein hingemalter Traum
geht ein Mensch vorbei!
Issa (1763 – 1852)
Ob der Dieb sie sieht, kümmert die Melonen nicht,
und sie sitzen still.
7. Prosa- und Versform
Meeresstrand Die Möwe fliegt nun ans Haff und Dämmerung bricht herein. Der Abendschein spiegelt über die feuchten Watten. Gaus Geflügel huscht neben dem Wasser her. Die Inseln liegen im Nebel auf dem Meer wie räume. Ich höre den geheimnisvollen Ton des gärenden Schlammes und einsames Vogelrufen. So war es schon immer. Der Wind schauert noch einmal leise und schweigt dann. Die Stimmen, die über der Tiefe sind, werden vernehmlich.
Theodor Storm: Meeresstrand
Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämm´rung bricht herein;
Über die feuchten Watten Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet Neben dem Wasser her; Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
der Reim
1. Reimspiele:
das Reihumgedicht: Es werden auf ein Blatt zwei Verszeilen geschrieben, die sich reimen und eine neue Zeile, dann wird das Blatt gefaltet, so dass nur noch die letzte Zeile sichtbar wird und man reicht das Blatt an den nächsten Schüler, der eine neue Verszeile hinzuschreibt usw. Ergänzungen:
Kurt Schwitters: Gedicht. Geduld du kleine Geduld du kleine --------
Im lieben stillen--------- Es ist noch viel zu------- Noch geh ich dich bald ------ Doch merk´ ich mir den-------
Und kommt heran der -------- So hol ich dich, mein---------
Schwitters ist einer der Hauptvertreter des Dada. Er hinterfragt die damalig geltenden Sprachkonventionen, hier bei dem Gedicht von 1923 die Formkonvention des Reims.
Dazu können Schüler nun selbst Reinwörter hinzudichten und eine Überschrift finden. z.B. Jung-Unternehmers Abschied
Geduld, du kleines Mädchen Im lieben stillen Städtchen Es ist noch viel zu schaffen, Es ist noch viel zu raffen. Noch muss ich dich bald lassen.
Doch merk ich mir die Gassen; Und kommt heran der Großgewinn, So hol´ ich dich, o Königin.
Majakovskij: „ Der Reim verknüpft zwei Verse miteinander.
Es ist das Ufer, wo sie landen, sind zwei Gedanken einverstanden.
Der Reim ist nicht nur Zierrat, sondern bringt zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung, schafft damit eine Verbindung, aber auch eine Spannungssituation, d.h. man kann eine gewisse Reimerwartung schaffen, also eine bestimmte angeregte Erwartung.
Heinrich Heine Leise zieht durch mein Gemüt Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied, Kling hinaus ins Weite.
Stefan George: „Reim ist bloss ein wortspiel wenn zwischen den durch den reim verbundenen worten keine innere verbindung besteht.“ Arten: Paarreim, Kreuzreim, umarmender Reim, Schweifreim, Reihen- oder Haufenreim oder Schüttelreim: Im Reimes Hut/Geheimes ruht. (Schweikle, 1977)
2. Übungen zum Reim und zur Reimstellung
1.brutal 2. Happy-End 3. aggressiv fatal intelligent aktiv
genial Konkurrent corned beef
Kapital Konsument Detektiv
katastrophal korpulent kolossal Medikament intensiv
Moral Parlament Liebesbrief radikal Patient massiv
Skandal pennt Mief sozial rennt naiv
total Student primitiv trivial Transparent schief
der ungewöhnliche Reim nach Heinz Rühmkorf:
flunkert – eingebunkert Großglockner – Wäschetrockner Rotz – Wahrhaftigengotts Dörfer – Surfer
Hände – Aggregatzustände Forz – außenbords
Interviewer – Wichtigtuer betrog – Versandhauskatalog Dom – Wirbelstrom sausend – Speisung der Fünftausend hätt was – zwartes Etwas
Man kann aus diesen Reimpaaren nun lustige Gedichte schreiben lassen.
3. die Wortwiederholung
Heute spielt der Reim keine große Rolle bei den Gedichten, dafür hat man oft die Wortwiederholung als verszeilenverbindendes Element eingesetzt.
a) Rose Ausländer: Anders
Es ist alles
anders geworden
oder sind wir es
die anders wurden
oder ist alles Andere
anders als wir es sehen
b) Elisabeth Alexander
Anders
ist die Nacht geworden
anders der Tag
die Stunde anders die Liebe anders der Liebende nicht anders geworden ist die Sehnsucht
c) In den Dünen sitzen. Nichts sehen als Sonne. Nichts fühlen als Wärme.
Nicht hören als Brandung.
Zwischen zwei Herzschlägen glauben: Nun ist Frieden.
Man kann nun die Zeile beliebig gestalten um andere Betonungen zu erproben.
In den Dünen sitzen.
Nichts sehen als
Sonne. Nichts fühlen als
Wärme. Nichts hören als
Brandung……
Original:
Günter Kunert: Auf der Schwelle des Hauses
In den Dünen sitzen. Nichts sehen Als Sonne. Nichts fühlen als Wärme. Nichts hören Als Brandung. Zwischen zwei Herzschlägen glauben: Nun ist Frieden.
Schülervariation: In der Schule
In der Klasse sitzen.
Nichts sehen als Bücher.
Nichts hören als Fragen. Nichts fühlen als Unlust.
Alle fünf Minuten denken: Wann ist Schluss?
Kreatives Schreiben
Als „kreativ kann man jedes Schreiben bezeichnen, das nicht in der Reproduktion von vorgegebenen Mustern besteht, sondern die eigene Gestaltungskraft der Schreibenden in Anspruch nimmt. Nicht nur das Nachahmen von Satz- und Textmustern steht im Vordergrund, sondern der persönliche Ausdruck und die Entfaltung der Phantasie. Drei Grundtendenzen kann man innerhalb der Didaktik des kreativen Schreibens unterscheiden:
1. Irritation:
Man durchkreuzt mit Hilfe von außergewöhnlichen Textanfängen, surrealistischen Bildern, Phantasiebegriffen eine allgemeine Erwartungshaltung und gibt damit Anregungen
zu außergewöhnlichen Schreibrealisationen. Man schafft Irritationen.
2. Expression:
Schreiben ist der Ausdruck der Subjektivität, d.h. man bringt seine innere Befindlichkeit im Schreiben zum Ausdruck. Damit werden gleichzeitig auch Schichten des Unterbewusstseins preisgegeben. Dieses Schreiben bezeichnet man als expressives Schreiben.
3. Imagination:
Im Schreiben wird hier die Außenwelt durch die Innenwelt, d.h. die Phantasie des Schreibenden abgelöst. D.h. eigene Gedanken, Wünsche und Ängste werden sprachlich verarbeitet. Dies kann durch eine Phantasiereise des Schülers ausgelöst werden, der Lehrer liest eine Erzählung vor, die der Schüler als Phantasiereise aufgreift, um anschließend diese Phantasien aufzuschreiben.
Die neuere Schreibentwicklungsforschung der USA gibt Informationen über die Prozesse der Planung und der Überarbeitung beim Schreiben, hier steht also das bewusste Verarbeiten der einzelnen Schreibakte im Vordergrund, während beim kreativen Schreiben eher der unbewusst ablaufende Prozess im Vordergrund steht, damit kommt es weniger zu Schreibblockaden. Kreatives Schreiben hilft eher dem Schülertyp, der durch einen neuen Anlauf zu einem besseren Text kommt als demjenigen, der durch Nachdenken über das Geschriebene Verbesserungen schafft.
Funktionen des kreativen Schreibens:
1. Kreativitätsförderung:
Durch Sprachspiele, Perspektivenwechsel sollen Denk- und Wahrnehmungsstereotypen durchbrochen und Sprachklischees vermieden werden.
2. Schreibmotivierung:
Der Schüler soll Mut zum Schreiben bekommen und seine Schreibblockade überwinden.
3. geselliges Schreiben:
Schreibspiele, gemeinsames Schreiben und Kettengeschichten dienen der Verbesserung des Klassenklimas und verstärken den kommunikativen Aspekt.
4. Förderung des Selbst- und Fremdverstehens Erlebnisberichte, Briefe, autobiografisches Schreiben, Beobachtungen und Beschreibungen, Erfinden oder Ausgestalten von literarischen Figuren werden herangezogen, um sich selber und andere Menschen besser zu verstehen.
5. Förderung der ästhetischen Kompetenz Die Berücksichtigung der unterschiedlichen Textform (Gedichte) und die ergänzende individuelle Gestaltung von Gedichten kann das Bedürfnis nach Selbstausdruck und –gestaltung befriedigen.
6. Förderung des Literaturverständnisses Durch die Konkretisierung der Phantasie beim Lesen einer Geschichte und die produktive Umsetzung kann Verständnis für das literarische Schaffen geweckt werden.
Man unterscheidet im Deutschunterricht zwei Schreibalternativen:
1. expositorisches Schreiben: Texte exzerpieren, zusammenfassen, analysieren, kommentieren, aus Texten Schlüsse ziehen, Texte überarbeiten, Probleme erörtern, argumentieren. 2. experimentelles Schreiben: Texte weiter- und umschrieben, Texte demontieren und neu zusammensetzen usw.
Überblick über die kreativen Schreibtechniken (nach Lutz von Werder):
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therapeutische
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dichterische
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didaktische
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journalistische
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wissenschaftliche
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frei und gelenkte Assoziation
therapeutische Schreibspiele
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Imagination automatisches Schreiben Träume
Collage Zitat Textumbau
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Imitation von Texten, von literarischen Normen, Schreibspiele
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Recherche und Darstellung
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kritisches Schreiben Mindmapping
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philosophische
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transzendieren, meditieren
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