Kreatives Schreiben

 

Bei der Implementierung der mittleren Bildungsstandards in einen neuen Deutsch-Lehrplan für die Handelsschulen, der ab dem Schuljahr 2005 eingesetzt werden soll, muss auch das neue Lernfeld „Kreatives Schreiben“ vorgesehen und im Unterricht behandelt werden.
 

Was versteht man unter diesem Lernfeld?

Schüler sollen spielend mit „fertiger“ Literatur der drei Literaturgattungen weiterarbeiten und damit auch bestimmte Stilfiguren kennen lernen, auf Bildimpulse literarisch reagieren, eigenständig unterbrochene kurzepische Texte nach eigenen Vorstellungen zu Ende schreiben, im Stil eines Autors selbst ein Gedicht zu einer lebensnahen Thematik formulieren, ein Gedicht in einen Prosatext umschreiben, die Erzählperspektive einer Kurzgeschichte verändern, d.h. ein Ich-Erzähler kann z.B. zu einem personalen Erzähler verändert werden, die Erzählzeit verändern, d.h. verstärkte Berücksichtigung direkter Rede als Zeitdeckung und damit die Betonung dramatischer Elemente in einem kurzepischen Text (Üben des dialogischen Schreibens) , Gefühle nicht nur beschreiben, sondern durch Reaktionen der fiktionalen Personen veranschaulichen, glaubhaftes Einbringen vorher mit Charaktermerkmalen festgelegten Figuren, Heiratsanzeigen aufgreifen und sie zu einer Geschichte verändern oder von einer begrenzten Zahl von Inhaltsfacetten in Form von Sätzen als eine Gedankenkette eine Kriminalstory schreiben, aus der Sicht eines Ausländers gesellschaftliche Phänomene beobachten, d.h. hier wird das Hineinversetzen in fremde Personen sehr wichtig werden usw.  Die fertig gestellten Arbeiten müssen von den Schülern immer wieder überarbeitet und in der Klassengemeinschaft diskutiert werden.
 

Welche Lernziele lassen sich mit diesem Lernfeld verbinden?

Der Schüler soll

1. seine Fähigkeit zum Schreiben entdecken,
2. durch das Schreiben den eigenen Ausdruck schulen, allgemein Welt begreifen und durch

   das Schreiben experimentell erfahren,
3. handwerkliche Grundfertigkeiten des literarischen Schreibens erlernen,
4. Schreiberfahrung und Schreibprobleme artikulieren und
5. sachliche Urteile über Literatur formulieren können.
 

Wie kann phantasievoll kreativ mit Lyrik gearbeitet werden?
Lyrik ist den Schülern nicht leicht zu vermitteln, deshalb können am Anfang Spiele stehen, um eine gewisse Unbefangenheit herzustellen.
1. die Phantasiereise:

Auf ein Blatt werden drei Begriffe notiert, wie z. B. Baumstumpf, Hütte und Bach.

Der Lehrer gibt einige Informationen, während die Schüler mit geschlossenen Augen zuhören.

„Wir stellen uns vor, wir seien ein Baumstumpf in einem Gebirgswald. Ich fühle mich als Baumstumpf. Was könnte mir als Baumstumpf widerfahren? Wie sehe ich aus? In der Nähe des Baumstumpfes befindet sich eine Hütte. Wir werden diese Hütte. Ich fühle mich als Hütte. Wie sieht es in meinem Inneren aus? Was sehe ich, wenn ich aus meinem Fenster schaue?

Neben der Hütte fließt ein Bach. Wir werden dieser Bach. Ich stelle mir vor, der Bach würde etwas zu der Hütte sagen. …
Anschließend schreiben die Schüler in freien Versen über das, was sie phantasiert haben.




 

2. Hinführung zur visuellen Form

z.B. Eugen Gomringer: Wind, Timm Ulrichs: stets und ordnung

 

Übung: ähnliche Strukturen mit Kreuz, Stern, Karussell, unregelmäßig, Verwirrung, Chaos

3. Konstellationen komponieren

Isolierte Wörter werden einander in bestimmter Weise zugeordnet, damit wird dem Leser einen großen Spielraum eigener Deutung gelassen:

Schule
Schule und Schüler

Schüler
Schüler und Lehrer

Schule
Schule und Lehrer

Schule und Schüler und Lehrer und
Ein Alptraum
 

4. Wachsgedichte

1. Zeile: ein Substantiv (Wetter, Tages- und Jahreszeiten)

2. Zeile: ein Substantiv wird durch ein weiteres Substantiv näher bestimmt
3. Zeile: ein Substantiv wird durch ein Adjektiv oder Partizip näher bestimmt
4. Zeile. Das Substantiv wird durch „und“ in Beziehung gesetzt zu einem anderen durch ein Adjektiv bestimmtes Substantiv, mit dem es Gemeinsamkeiten hat oder gegensätzlich ist.

5. Zeile: ein abschließendes Wort oder ein abschließender Satz mit einem Wort der letzten Zeile

Wald

Wald im Winter
Schwarzer Wald im Winter
Schwarzer Wald im Winter und trauriger Mond
Traurig.

 

Mädchen
Mädchen am Fenster
Lächelndes Mädchen am Fenster

Lächelndes Mädchen am Fenster und singender Vogel
Wenn ich jetzt singe…

5. Elfchen

1. Zeile:  eine Farbe (ein Wort)
2. Zeile:  etwas, was diese Farbe hat (zwei Wörter)

3. Zeile:  dessen genauere Bestimmung (drei Wörter)
4. Zeile: über mich selbst etwas, mit „ich“ beginnend (vier Wörter)
5. Zeile: ein abschließendes Wort (ein Wort)



 


Grau

Der Nebel
Er umschließt mich

Ich sehe nicht mehr
Allein…

Blau
Deine Augen
Sie blicken treu
Ich glaub ihnen bald:

Verliebt?

6. Haikus

Haikus sind japanische Kurzgedichte, die aus drei Zeilen bestehen, von denen die 1. Zeile fünf, die 2. Zeile sieben und die 3. Zeile wieder fünf Silben hat. In der Regel werden Naturerscheinungen verarbeitet.

Jôsô ( 1661 – 1704)

In der Blütenpracht

sucht der Specht nichts andres als

einen dünnen Ast.

 

Buson (1715 – 1783)

Morgennebeldunst -
Wie ein hingemalter Traum

geht ein Mensch vorbei!

Issa (1763 – 1852)

Ob der Dieb sie sieht,
kümmert die Melonen nicht,

und sie sitzen still.
 

7. Prosa- und Versform

Meeresstrand
Die Möwe fliegt nun ans Haff und Dämmerung bricht herein. Der Abendschein spiegelt über die feuchten Watten. Gaus Geflügel huscht neben dem Wasser her. Die Inseln liegen im Nebel auf dem Meer wie räume. Ich höre den geheimnisvollen Ton des gärenden Schlammes und einsames Vogelrufen. So war es schon immer. Der Wind schauert noch einmal leise und schweigt dann. Die Stimmen, die über der Tiefe sind, werden vernehmlich.

Theodor Storm: Meeresstrand

Ans Haff nun fliegt die Möwe,

Und Dämm´rung bricht herein;

Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.
 

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln

 


Im Nebel auf dem Meer.
 

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,

Einsames Vogelrufen –

So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;

Vernehmlich werden die Stimmen,

Die über der Tiefe sind.

 

der Reim

1. Reimspiele:

das Reihumgedicht:  Es werden auf ein Blatt zwei Verszeilen geschrieben, die sich reimen und eine neue Zeile, dann wird das Blatt gefaltet, so dass nur noch die letzte Zeile sichtbar wird und man reicht das Blatt an den nächsten Schüler, der eine neue Verszeile hinzuschreibt usw.
Ergänzungen:

Kurt Schwitters: Gedicht. Geduld du kleine
Geduld du kleine --------

Im lieben stillen---------
Es ist noch viel zu-------
Noch geh ich dich bald ------
Doch merk´ ich mir den-------

Und kommt heran der --------
So hol ich dich, mein---------

 

Schwitters ist einer der Hauptvertreter des Dada. Er hinterfragt die damalig geltenden Sprachkonventionen, hier bei dem Gedicht von 1923 die Formkonvention des Reims.
 

Dazu können Schüler nun selbst Reinwörter hinzudichten und eine Überschrift finden.
z.B. Jung-Unternehmers Abschied
 

Geduld, du kleines Mädchen
Im lieben stillen Städtchen
Es ist noch viel zu schaffen,
Es ist noch viel zu raffen.
Noch muss ich dich bald lassen.

Doch merk ich mir die Gassen;
Und kommt heran der Großgewinn,
So hol´ ich  dich, o Königin.

 

 


 

Majakovskij: „ Der Reim verknüpft zwei Verse miteinander.

Es ist das Ufer, wo sie landen,
sind zwei Gedanken einverstanden.
 

Der Reim ist nicht nur Zierrat, sondern bringt zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung, schafft damit eine Verbindung, aber auch eine Spannungssituation, d.h. man kann eine gewisse Reimerwartung schaffen, also eine bestimmte angeregte Erwartung.
 

Heinrich Heine
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.

Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.


Stefan George: „Reim ist bloss ein wortspiel wenn zwischen den durch den reim verbundenen worten keine innere verbindung besteht.“
Arten: Paarreim, Kreuzreim, umarmender Reim, Schweifreim, Reihen- oder Haufenreim oder Schüttelreim: Im Reimes Hut/Geheimes ruht. (Schweikle, 1977)
 

2. Übungen zum Reim und zur Reimstellung


1.brutal 2. Happy-End 3. aggressiv
   fatal             intelligent            aktiv

   genial            Konkurrent        corned beef

   Kapital         Konsument        Detektiv

   katastrophal  korpulent   
   kolossal        Medikament       intensiv

   Moral             Parlament         Liebesbrief
   radikal           Patient              massiv

   Skandal         pennt                  Mief
   sozial              rennt                   naiv

   total               Student              primitiv
   trivial             Transparent        schief
 

der ungewöhnliche Reim nach Heinz Rühmkorf:

flunkert – eingebunkert          Großglockner – Wäschetrockner
Rotz – Wahrhaftigengotts       Dörfer – Surfer

Hände – Aggregatzustände     Forz – außenbords

Interviewer – Wichtigtuer        betrog – Versandhauskatalog
Dom – Wirbelstrom                sausend – Speisung der Fünftausend
hätt was – zwartes Etwas

 

Man kann aus diesen Reimpaaren nun lustige Gedichte schreiben lassen.

 



3. die Wortwiederholung

Heute spielt der Reim keine große Rolle bei den Gedichten, dafür hat man oft die Wortwiederholung als verszeilenverbindendes Element eingesetzt.

 

a) Rose Ausländer: Anders


Es ist alles

anders geworden
 

oder sind wir es

die anders wurden

oder ist alles Andere

anders
als wir es sehen

 

b) Elisabeth Alexander

Anders

ist die Nacht
geworden

anders der Tag

die Stunde
anders die Liebe
anders
der Liebende
nicht anders
geworden
ist die Sehnsucht

c) In den Dünen sitzen.
Nichts sehen als Sonne.
Nichts fühlen als Wärme.

Nicht hören als Brandung.

Zwischen zwei Herzschlägen glauben:
Nun ist
Frieden.

Man kann nun die Zeile beliebig gestalten um andere Betonungen zu erproben.

In den Dünen sitzen.

Nichts sehen als

Sonne. Nichts fühlen als

Wärme. Nichts hören als

Brandung……


 

 

Original:

Günter Kunert: Auf der Schwelle des Hauses

In den Dünen sitzen. Nichts sehen
Als Sonne. Nichts fühlen als
Wärme. Nichts hören
Als Brandung. Zwischen zwei
Herzschlägen glauben: Nun
ist Frieden.


Schülervariation: In der Schule

In der Klasse sitzen.

Nichts sehen als Bücher.

Nichts hören als
Fragen.
Nichts fühlen als Unlust.

Alle fünf Minuten denken:
Wann
ist
Schluss?

 

Kreatives Schreiben
 

Als „kreativ kann man jedes Schreiben bezeichnen, das nicht in der Reproduktion von vorgegebenen Mustern besteht, sondern die eigene Gestaltungskraft der Schreibenden in Anspruch nimmt. Nicht nur das Nachahmen von Satz- und Textmustern steht im Vordergrund, sondern der persönliche Ausdruck und die Entfaltung der Phantasie.
Drei Grundtendenzen kann man innerhalb der Didaktik des kreativen Schreibens unterscheiden:

 

1. Irritation:

Man durchkreuzt mit Hilfe von außergewöhnlichen Textanfängen, surrealistischen Bildern, Phantasiebegriffen eine allgemeine Erwartungshaltung und gibt damit Anregungen

 zu außergewöhnlichen Schreibrealisationen. Man schafft Irritationen.
 

2. Expression:

Schreiben ist der Ausdruck der Subjektivität, d.h. man bringt seine innere Befindlichkeit im Schreiben zum Ausdruck. Damit werden gleichzeitig auch Schichten des Unterbewusstseins preisgegeben. Dieses Schreiben bezeichnet man als expressives Schreiben.
 

3. Imagination:

Im Schreiben wird hier die Außenwelt durch die Innenwelt, d.h. die Phantasie des Schreibenden abgelöst. D.h. eigene Gedanken, Wünsche und Ängste werden sprachlich verarbeitet. Dies kann durch eine Phantasiereise des Schülers ausgelöst werden, der Lehrer liest eine Erzählung vor, die der Schüler als Phantasiereise aufgreift, um anschließend diese Phantasien aufzuschreiben.                      
 

 

 

Die neuere Schreibentwicklungsforschung der USA gibt Informationen über die Prozesse der Planung und der Überarbeitung beim Schreiben, hier steht also das bewusste Verarbeiten der einzelnen Schreibakte im Vordergrund, während beim kreativen Schreiben eher der unbewusst ablaufende Prozess im Vordergrund steht, damit kommt es weniger zu Schreibblockaden. Kreatives Schreiben hilft eher dem Schülertyp, der durch einen neuen Anlauf zu einem besseren Text kommt als demjenigen, der durch Nachdenken über das Geschriebene Verbesserungen schafft.

 

Funktionen des kreativen Schreibens:


1. Kreativitätsförderung:

Durch Sprachspiele, Perspektivenwechsel sollen Denk- und Wahrnehmungsstereotypen durchbrochen und Sprachklischees vermieden werden.

 

2. Schreibmotivierung:

Der Schüler soll Mut zum Schreiben bekommen und seine Schreibblockade überwinden.
 

3. geselliges Schreiben:

Schreibspiele, gemeinsames Schreiben und Kettengeschichten dienen der Verbesserung des Klassenklimas und verstärken den kommunikativen Aspekt.

 


 

4. Förderung des Selbst- und Fremdverstehens
Erlebnisberichte, Briefe, autobiografisches Schreiben, Beobachtungen und Beschreibungen, Erfinden oder Ausgestalten von literarischen Figuren werden herangezogen, um sich selber und andere Menschen besser zu verstehen.

5. Förderung der ästhetischen Kompetenz
Die Berücksichtigung der unterschiedlichen Textform (Gedichte) und die ergänzende individuelle Gestaltung von Gedichten kann das Bedürfnis nach Selbstausdruck und –gestaltung befriedigen.

 

6. Förderung des Literaturverständnisses
Durch die Konkretisierung der Phantasie beim Lesen einer Geschichte und die produktive Umsetzung kann Verständnis für das literarische Schaffen geweckt werden.


 

Man unterscheidet im Deutschunterricht zwei Schreibalternativen:

1. expositorisches Schreiben: Texte exzerpieren, zusammenfassen, analysieren, kommentieren, aus Texten Schlüsse ziehen, Texte überarbeiten, Probleme erörtern, argumentieren.
2. experimentelles Schreiben: Texte weiter- und umschrieben, Texte demontieren und neu zusammensetzen usw.
 

Überblick über die kreativen Schreibtechniken (nach Lutz von Werder):

 

 

therapeutische

dichterische

didaktische

journalistische

wissenschaftliche

frei und gelenkte Assoziation

therapeutische Schreibspiele

Imagination
automatisches Schreiben
Träume

Collage
Zitat
Textumbau

Imitation von Texten, von literarischen Normen, Schreibspiele

Recherche
und Darstellung

kritisches Schreiben
Mindmapping

 

 

philosophische

transzendieren,
meditieren


 

Bewertung kreativer Arbeiten

 

1. Problematik des produktiven Schreibens:

Zuerst einmal muss überlegt werden, ob eine mögliche Leistungsbewertung der Kreativität gegenüber steht und sie einschränkt. Früher stand das Fach Deutsch von vorneherein unter Willkürverdacht bezüglich der Aufsatzbewertung. Das hat sich verändert, nachdem für Prüfungsaufsätze Bewertungskriterien offiziell festgelegt wurden. Es bleibt wie in anderen Fächern natürlich immer noch ein gewisser Ermessensspielraum, wichtig ist, dass die Aufsatzarbeiten im Unterricht entsprechend vorbereitet werden.
Solange die Ziffernbenotung in unserem Schulsystem bleibt, wäre es eine Abwertung, wenn für kreative Schreibarbeiten keine Benotung erfolgen würde. Kaspar Spinner ( Kreativer Deutschunterricht. Identität – Imaginationen - Kognition. Seelze 2001, S. 123) schlägt vor, dass man an kreative Texte bezüglich der Benotung „sensibler“ herangehen soll. Aber was heißt das: Soll man sie besser benoten? Soll also mit dem Rotstift zurückhaltender umgegangen werden? Das kann nicht gemeint sein, denn unter diesen Umständen wäre eine Gleichwertigkeit der Arbeiten nicht mehr gewährleistet. Wichtig ist, dass der Notendruck durch ein angenehmes Arbeitsklima reduziert wird,      Â­Â­Â­mit roter Tinte lassen sich auch Komplimente am Rand der Arbeiten formulieren.

 

2.Kriterien der Bewertung: (nach Werner Braukmann)

a) Wie sachkompetent ist der Schüler?

Wenn die kreative Arbeit auf einer literarischen Grundlage aufbaut, ist es wichtig, dass entsprechende Sachkompetenz erworben wird, d.h. Werkkenntnis, biografische und literaturgeschichtliche Informationen usw.)

b) Wie ideenreich ist der Schüler?
Die Qualität einer kreativen Arbeit hängt von der Fülle der Ideen ab, d.h. besondere Handlungszüge, Ereignisse, Schauplätze sind Bewertungskomponenten.

 

c) Wie originell ist der Schüler?

Es ist natürlich unmöglich, dass Schüler das Repertoire der Weltliteratur an Figuren und Motiven mit absolut neuen Kreationen erweitern können. Aber es muss untersucht werden, ob der Schüler „flache“ Standard-Bausteine fiktiver Texte oder fantasievoll einfallsreiche Zeichnungen von Figur und Handlungsverlauf einsetzt.

 

d) Wie einfallsreich ist der Schüler sprachlich?

Die Originalität des Geschehens und der sprachlichen Mittel überschneiden sich und lassen sich nicht klar trennen. Es soll damit untersucht werden, ob der Schüler klischeehafte Wendungen vermeidet und eine differenzierte Ausdrucksweise verwendet.

 

 

e) Ist der Text inhaltlich und formal einheitlich?

Gelingt dem Schüler ein Spannungsaufbau, eine nachvollziehbare Stilebene, die nicht in einem Widerspruch zu den Figuren steht, ein geschickter und abwechslungsreicher Satzbau?

 

f) Ist die kommunikative Situation entsprechend berücksichtigt worden?

Werden vorgesehene Gesprächssituationen nachvollziehbar plausibel in direkter Rede wiedergegeben?


g) Ist der Text sprachlich angemessen und richtig geschrieben?

Unter diesem Bewertungsgesichtspunkt versteht man die Fehlerproblematik und die Ausdrucksschwäche.


3. andere Bewertungskriterien:
a) Kaspar H. Spinner:
innere Kohärenz, Problemtiefe und Differenziertheit, Einfallsreichtum, stilistische Gestaltungskraft, Anschaulichkeit, semantische Dichte und Variabilität

 

b) Karl Schuster:

Ergänzung:
ungewöhnliche Metaphern und Chiffren, Symbolik, leitmotivische Gestaltung, inhaltliche Überraschungsmomente

 

c) Bernd Schurf:

Adäquanz: Steht der kreative Text bei einer literarischen Grundlage in einer sinnvollen Relation zu dieser Literatur?
Kohärenz: Passen die Details zueinander und lassen sich in eine Gesamtkomposition einfügen?
Komposition: Ist ein klarer Aufbau und damit auch eine klare Gedankenführung erkennbar?
sprachlich-stilistische Ebene: Werden detailgetreue Beobachtungen sprachlich exakt, unter Beachtung von Lexik, Syntax, Metaphorik und Rhetorik, wiedergegeben?

sprachliche Richtigkeit und Angemessenheit: Werden die Sprachnormen beachtet?

Ästhetizismus: Kann ein poetischer Gestaltungswille beobachtet werden (Gedichte)?

Originalität: Wird nur imitiert oder finden sich auch kreative Einfälle?

 

 

 




d) Kriterienkatalog nach Baurmann:

Inhalt: Beschreibt der Schüler Orte, Gefühle, die Struktur beim Ertasten, Gerüche genau?

Aufbau: Wird ein aufgabengemäßes Textmuster sichtbar, geht der Schüler geordnet vor?

Sprache: Wird das Wahrnehmbare sprachlich exakt und anschaulich wiedergegeben, ist die Stilebene der Aufgabe angemessen, wird ein verständlicher und abwechslungsreicher Satzbau realisiert und sind die Sätze und Wortformen grammatikalisch richtig formuliert worden?

 

Ausprägungsgrad: erfüllt (1 Punkt), teilweise erfüllt (0,5 Punkte), nicht erfüllt (0 Punkte)

 

Literatur:
1. Braukmann, Werner (2003): Freies Schreiben. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Cornelsen Verlag Berlin. S. 60 ff.

2. Spinner, Kaspar H. (2001): Kreativer Deutschunterricht. Identität-Imagination- Kognition. Seelze. S. 108 – 125
3. Schuster, Karl (1999): Einführung in die Fachdidaktik Deutsch. Aktualisierte 8. Auflage. Baltmannsweiler

4. Schurf, Bernd  (1995): Bewertung produktiver Schülerarbeiten. In: Deutschunterricht 7/8. Berlin. S. 341

5. Bauermann, Jürgen (2002): Schreiben – Überarbeiten – Beurteilen. Ein Arbeitsbuch zur Schreibdidaktik. Seelze

 

 

 

Kreatives Schreiben von Prosatexten

 

Schon das Beschreiben von Gegenständen kann als Vorbereitung zum kreativen Schreiben genutzt werden, denn es verlangt vom Schüler eine differenzierte Beobachtungsgabe und die notwendige Ausdrucksfähigkeit.


Wygotskis Konzept der inneren Sprache

Die geschriebene Sprache ist nicht nur die schriftliche Umsetzung von der gesprochenen Sprache, sondern es wirkt sich auch eine innere Sprache aus, die stumm, halbbewusst, sinnlich-bildhaft ist. Diese Sprache wird nicht kommunikativ verwendet und ist deshalb offen für alle kreativen Einfälle.

 

Winnicotts Kreativitätstheorie
Er berücksichtigt beim kreativen Tun so genannte Übergangsobjekte, in denen Subjekt und Objekt zusammengefügt werden. Deutlich wird dies beim spielenden Kind, das seinen Teddybären zwar als Objekt wahrnimmt, aber in ihm einen Spielkameraden sieht und einen intermediären Raum mit seiner Fantasie aufbaut. So orientiert sich auch der kreativ Schreibende an einem intermediären Raum, denn er muss sich beim Schreiben in fremde Personen versetzen, um z. B. einen inneren Monolog einer Person zu schreiben oder die Handlung in eine andere Zeit transferieren, wenn die historisch zurückliegende Geschichte aktualisiert wird.
Kreatives Schreiben kann im Unterricht bei den Schülern die allgemeine Schreibblockade abbauen, so dass auch das Anfertigen von Gebrauchstexten erleichtert wird.


Schiller hat gegenüber dem Juristen Körner davon gesprochen, dass das Schöpferische behindert werde, wenn der Verstand zu schnell die zuströmenden Ideen mustere.
Wie kann man die Imaginationskraft für das kreative Schreiben besonders aktivieren:
das automatische Schreiben, das Meditieren zu einer inneren Vorstellung oder zu Gegenständen, z. B. zu einem Stein, den ein Schüler in der Hand hält, das Clustering und das Schreiben zu künstlerischen Ausdrucksformen wie z. B. Bilder, Musik sind Schulungsmöglichkeiten.
Günter Waldmann und Katrin Bothe vertreten die Meinung, dass es nicht reiche, Erlebnisse zu schildern, Gefühle und Betroffenheit auszudrücken, sondern dass der Schüler über ein Repertoire an handwerklichen Möglichkeiten verfügen müsse.

 

Das kreative Schreiben soll auch zu einem sozialen Akt ausgestaltet werden, indem über den produzierten Text in Kleingruppen diskutiert wird. Wenn es zur Bewertung der Schreibleistung kommt, dann ist der Deutschlehrer in derselben Situation wie der Kunstlehrer, der ein Bild zu bewerten hat. Gespräche mit anderen Kollegen helfen. In welchem Maß jeweils Einfallsreichtum, Anschaulichkeit, semantische Dichte, Kohärenz, stilistische Konsequenz, Variabilität der Ausdrucksmittel usw. gewichtet werden, hängt vom Schreibarrangement ab.


Einige kreative Gestaltungsideen:
1. bestimmte Szenen eines Buches illustrieren

2. eine Bild-Text-Collage entwerfen (hier wäre das zeichnerische Talent nicht so wichtig, denn es können Bilder aus einer Illustrierten verwendet und dann ein verbindender Zwischentext geschrieben werden. Es besteht auch die Möglichkeit, die Personen steckbriefartig zu erfassen).

3. eine Buchbesprechung zu schreiben (Lese- oder Kaufempfehlung schreiben: Autor/Titel, Erscheinungsort/Verlag/Erscheinungsjahr, kurze Inhaltsangabe, für welche Leser, Besonderheiten, Wertung mit Begründung)

4. einen Text als Zeitungsbericht wiedergeben

5. eine Figur der Handlung anklagen oder verteidigen

6. eine historische Handlung in den Erfahrungsbereich des Schülers transferieren

7. eine Fabel in eine Kurzgeschichte verändern

8. einen Brief schreiben

9. einen Tagebucheintrag formulieren

10. den Fragebogen von Marcel Proust für Figuren übertragen:
Was ist für dich das größte Glück/Unglück?
Wie versuchst du dein Glück zu erreichen?
Wovor fürchtest du dich?
Deine Lieblingstugend/Lieblingsbeschäftigung?Was ist dein größter Fehler?
Was schätzt du bei anderen Menschen am meisten?
Welche natürliche Gabe möchtest du besitzen?Was ist dein Motto?

11. eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen

12. graphisch-bildliche Darstellung von Handlungsabläufen

13. Anfertigen von Steckbriefen, Charakteristika der Haupt- und Nebenfiguren

14. einen Text gestisch-mimisch übersetzen

15. Hörspiel und Fernsehfassung von einem epischen Text herstellen

16. Textvarianten herstellen (in einem Text wird ein Abschnitt weggelassen, der eigenständig von Schülern ergänzt werden muss)