-­­­­­­­Frank Wedekind: Der Marquis von Keith

1. der Marquis:

Der siebenundzwanzigjährige Keith ist mittelgroß, schlank, knochig, fällt auf durch seine nervösen Gesichtszüge und die groben roten Hände eines Clowns und hinkt „teuflisch“ auf dem linken Bein. Er lehnt die bürgerliche Moral ab und richtet sein Leben nach dem Genussstreben aus. Sein Vater, der als bürgerlich orientierter Hauslehrer im Haus des Grafen Trautenau arbeitet, erzieht seinen Sohn und den Sohn des Grafen nach gleichen Erziehungsgrundsätzen. Schon als Kind kann Keith durch sein Aussehen gefallen und erholt sich von der Prügelstrafe des Vaters bei den Kammerzofen.
Ihm fehlen das Geld und der gesellschaftlich Rang zu einem Leben nach seinen Vorstellungen, deshalb lässt er sich in seiner Fantasie von einem Lord Keith adoptieren und versucht sich das erforderliche Geld von der Gesellschaft zu „rauben“. Der Liberalismus begünstigt dieses Vorhaben, das durch einen grenzenlosen Egoismus geprägt ist. Er vertritt die Auffassung, dass er, wenn es ihm gut geht, er auch in der Lage sei, Arbeitsplätze zu schaffen. „Wer sich der Welt bemächtigen will, muss ihre Gesetze kennen.“

Mit seiner fünfzehnjährigen Geliebten flüchtet er nach Amerika, wird beinahe Präsident und entrinnt nur knapp dem Tod. In München baut er sich den Nimbus eines Eisenbahnkönigs auf, arbeitet als Zeitungskorrespondent, eröffnet eine Konzertagentur und sucht schließlich Geldgeber für seine Feenpalast AG. Keith gibt der Gesellschaft den Anschein, dass er Geld besäße um so auch den Geldbeutel reicher Leute zu öffnen. Dies gelingt ihm allerdings nur durch Täuschungen (vornehme Kleidung, gefälschte Eröffnungsbilanz, gefälschtes Glückwunschtelegramm von Casimir, Ablenkung beim Vorlegen der Geschäftsbücher, Verbrauch des Geldes anstelle der Einlage auf das vorgesehene Konto). Das Delikt der Urkundenfälschung und der Skandal beim Selbstmord von Molly veranlassen Casimir, ihn nach einer Abfindung zu entlassen. Das Feenpalast-Projekt ist zwar eine hervorragende Idee, aber bei der Unterstützung des Musikers Zamrjaki scheitert er, denn dieser Musiker trifft mit seiner modernen Musik nicht den Geschmack der Menschen und bei der Bitte auf einer Veranstaltung einen Cancan zu spielen, verfällt er wieder in die Rhythmen seiner sehr modernen Symphonie und wird von den Anwesenden abgelehnt. Auch beim Maler Saranjeff, den er protegiert, hat Keith keinen Erfolg beim interessierten Kunden, denn seine Bilder treffen nicht den Geschmack der Leute und der Maler behilft sich schließlich mit Böcklin-Fälschungen. Kunst unterliegt als Luxusartikel der Bourgeoisie den Modeerscheinungen. Anna kann weniger über ihre gesanglichen Fähigkeiten als vielmehr nur über ihre Schönheit und außergewöhnliche Konzerttoilette aus Paris die Zuschauer überzeugen, erkennt dies auch und hört mit dem Gesang nach dem ersten Konzert auf. Keith hat eigentlich  sehr viel mit den Künstlern gemein. Er kann nicht rational planen und organisieren, denn der Feenpalast wird zu einem Fantasieprojekt, seine Geschäftsberichte sind diffuse Fantasieaufzählungen.

2. Keiths mitmenschlichen Beziehungen
Anna:
Keith und Anna pflegen einen Egoismus zu zweit. Er sieht in ihr seine Königin und wünscht sich Kinder mit Aristokratenhänden von ihr. Sie plant eine Gesangsausbildung bis zur Konzertreife, wird aber von ihm vor ihrem Abschluss zum Konzert gezwungen und verkauft ihren Gesang in entsprechend erotischer Aufmachung mit Erfolg, um so die Gesangsdefizite auszugleichen. Sie ist passiv und wartet auf ihre Gelegenheit, einen Coup zu landen. Als ehemalige Verkäuferin beerbt sie einen Grafen, lässt sich als Geliebte von Keith die Miete ihrer Villa bezahlen und führt so das Leben einer Mätresse. Als Keith in finanzielle Schwierigkeiten kommt, verlässt sie ihn und wird die Frau des reichen Casimir, der eine Mutter für seine beiden Kinder sucht und gleichzeitig eine Repräsentantin. Warum wehrt sich Keith gegen Annas Heirat mit Casimir? Warum will er ihr die Briefe nicht zurückgeben? Er will nach seiner Überlegung auch noch auf dem Sterbebett ein Zeugnis haben,   dass Anna für ihn kein Hirngespinst war. Anna stellt für ihn immer noch das Beispiel eines Raubtieres dar, das sich nicht abrichten lässt. So enttäuscht ihn die freiwillig eingegangene Abhängigkeit zu diesem reichen Mann. Anna organisiert ihr Leben wie Casimir nach dessen realisierter Maxime: der Welt ihren Lauf lassen, das Beste hoffen und auf das Schlimmste gefasst sein, während Keith krampfhaft an seinen Mythen, Idealen und Illusionen festhält.
Bei Wedekind werden zwei unterschiedliche Gesichtspunkte im Werk zur Liebe deutlich:

1. „Geliebt sein will der Bauer, der sein Weib mit den Ochsen zusammen vor den Pflug spannt. Die Liebe ist eine Zufluchtstätte für Ofenhocker und Feiglinge.“ Keith: „ Kein freier Blick, kein freier Atemzug. Nichts als Liebe! Möglichst viel und von der gewöhnlichsten Sorte.“
2. Liebe ist Sexus. Die Geschlechter kommen zum Zweck der gegenseitigen Lust zusammen. Das Ziel der potenten Menschen ist völlige sexuelle Freiheit, das heißt unbegrenzter Zugang zu allen begehrenswerten Partnern. Lulu verbraucht bedenkenlos Männer und wird schließlich Opfer eines Lustmörders.

 

Molly Griesinger
Molly, der Name spricht für sich, ist ein brünettes Wesen mit seelenvollen schwarzen Augen, die als schwaches Herdenvieh einen grauen Alltag verlebt, die Funktion einer Dienerin wahrnimmt, keine selbstständigen Gespräche führt und nicht repräsentieren kann. Sie wirft Keith vor, keine Papiere zu besitzen, um sie heiraten zu können. Molly hat nur Macht über ihn, wenn es ihm schlecht geht, aber ansonsten, wenn Keith sich kapitalistisch gebärdet, ist sie unscheinbar und wirkungslos, er benötigt ihre Unterwürfigkeit. Anna dagegen ist gefühllos und denkt nur an ihre Karriere. Molly brennt mit Keith von der Schulbank nach Amerika durch und tauscht ihre Heimat gegen diese Liebe ein, wird aber von ihm nur als „armes Geschöpf“, „Unglückswurm“ oder „mein Kind“ bezeichnet, so dass von einer gleichberechtigten Partnerschaft keine Rede sein kann. Sie küsst ihm die Hand und bittet ihn unterwürfig, dass er sie schlagen soll, um so gegen seine Gefühlskälte ihr gegenüber anzukämpfen. Altruismus ist für Keith nur der Egoismus der Schwachen. Als er mit der Liebe dieses Mädchens zu spielen beginnt, bringt er die Massen gegen sich auf, denn die Hofbräugäste verlangen Rache für den Selbstmord von Molly. Ein Zirkusdirektor möchte ihn aufgrund seiner Hände als dummen August einstellen. Keith bekommt schließlich richtig religiöse Züge, er sagt: „Es ist besser Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun.“ Er stiftet eine „neue Religion“ und deklariert sich zum unsterblichen Gott, der sich einen Tempel baut, der von einem höheren Menschen, Casimir, zur Flucht geholfen bekommt und in der Abschiedsszene auf den Schreibtisch klettert und sich am Fensterkreuz festhält (Kreuzestod Jesu). Keith verkörpert das Weltbild der kapitalistischen Gesellschaft. Egoist, Materialist, Ausbeutungsideologe, ohne Rücksicht auf andere Menschen und damit verantwortungslos. Er will persönliche Freiheit und scheitert, da die Gesellschaft von ihm Anpassung verlangt, damit er entsprechenden Erfolg hat.

Kriminalkommissar Raspe
Er missbraucht die Freiheit, kommt ins Gefängnis und beschließt später durch Anpassung ein Handlanger der Macht zu werden. Keith weigert sich in seinem Prozess zu seinen Gunsten auszusagen und flüchtet nach Amerika, dafür denunziert ihn Raspe bei Casimir, so dass er letztendlich nur noch die Chance hat sich zu töten (Revolver) oder die zehntausend Mark zu nehmen. Er entscheidet sich für das Geld und wird Zynist.


Hermann Casimir, der Schüler, kann mit den Zielsetzungen Keiths “Macht – Prestige - materielle Freiheit” nichts anfangen. „Ein unglücklicher Mensch in Afrika ist noch zehnmal glücklicher als ein glücklicher Mensch in München.“ Er sympathisiert mit den Revolutionären, was sein Vater vermeiden will, indem er sein „Früchtchen“ aus der Räuberhöhle, der Wohnung von Keith, he-rausholt.


Keiths Antipode Ernst Scholz

Scholz heißt in Wirklichkeit Gaston Graf von Trautenau und fällt durch seine asketische Erscheinung auf. Er gibt in seinem Umfeld sehr viel Geld aus, weil ihm der Reichtum Sorgen bereitet. Von Keiths Vater lernt er die Moralgrundsätze der armen Leute kennen, nach denen er leben möchte. Gerade Gewissenhaftigkeit und Pflichtgefühl sind im Gegensatz zu Keith für ihn sehr wichtig. Er vertritt die Auffassung, dass in der Gesellschaft die Unterdrückten für die Unterdrücker und Müßiggänger arbeiten müssen und dieses System sich auf allen Ebenen fortsetzt, bis in die Familien hinein. Nach dem Studium arbeitet er im Eisenbahnministerium. In dieser Funktion plagt ihn mögliche Pflichtvernachlässigung untergeordneter Mitarbeiter und er arbeitet ein genaues Bahnreglement aus. Am ersten Tag der Einführung kam es zu einem Zusammenstoß von zwei Schnellzügen mit vierzehn Toten und er muss feststellen, dass sich mögliche menschliche Unzulänglichkeiten nicht durch Reglementierungen vermeiden lassen.



Aber er übernimmt diese Feststellungen nicht in seine Lebensgestaltung und beschließt mit allen Mitteln Zugang zur Gesellschaft zu finden, indem er heiraten und Kinder erziehen möchte, inzwischen unter bürgerlichem Namen. Dies gelingt ihm ebenfalls nicht, so entscheidet er sich, Keith aufzusuchen, den er finanziell unterstützen möchte, damit er ihm als Gegenleistung mit dem genussgeprägten Leben vertraut macht. Keith stellt ihm Simba vor, die als Modell, Aufwärterin und Hausmädchen für ihn arbeitet, aber keine feste Beziehung eingehen möchte.

Als er gegenüber Simba lediglich Mitleid empfindet, geht diese Beziehung endgültig in die Brüche. Nach dem riesigen Feuerwerk, das Keith von Paris besorgt hat, eint ihn nur das Hinken, aufgrund eines Unfalls,  mit seinem großen Meister. Auch sein außergewöhnlicher Ordnungssinn, es geht dabei um die Verwechslung eines Hemdkragens,  artikuliert er in Gesprächen immer wieder und  provoziert die Umgebung. Schon als Kind wurde Keith von den Kammermädchen bevorzugt. Der Konfirmationsspruch von Scholz „Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt“, trifft auf ihn, seiner Meinung nach, nicht zu. Auch von Anna, die er als Frau gewinnen möchte,  wird er schließlich abgelehnt. Während für Keith  das irdische Glück nur durch Genuss möglich ist, strebt Scholz die Integration in die Gesellschaft durch altruistische Dienste an, was ihm nicht gelingt, so dass sein Weg auf eigenen Wunsch direkt in die Irrenanstalt führen soll, wo er bei Spazierfahrten und Billiardspiel dahindämmern möchte. Keith will er mit in diese Oase des Friedens nehmen.

Thomas Mann berichtet, dass der Dichter ihm gesagt habe, das Stück um der Abschiedsszene zwischen Keith und Scholz willen geschrieben zu haben. Diese muss „das stärkste und erbittertste an Leidenschaftlichkeit sein, was das ganze Stück enthält“. Beide Menschen sind Feuerseelen. Beide sind nicht dumm, aber beide nach verschiedenen Richtungen hin verrückt“. Scholz hat die Realität an seinen Moralvorstellungen gemessen und für unlebbar befunden. Deshalb entsagt er ihr und wahrt seine Menschenwürde. Beide versuchen in der Gesellschaft Fuß zu fassen und schaffen es nicht, das eine Mal ist das Individuum schuld, das andere Mal die Gesellschaft.

Gegenüberstellung:

 

Keith

Scholz

Übereinstimmungen von: Erziehung, Konfirmation,

sich durchsetzen

Ablehnung der moralischen Erziehung des Vaters


Reisen, um sein Glück zu machen

 

Glück: Herrschaft über die Massen

 


Tod als Bedrohung

Genuss als Selbsterfüllung

sich um die Welt kümmern

 

Geld dient als Anerkennungsmittel

 eigene Interessen zu realisieren, hilft auch anderen (Arbeitsplätze)

 3. Akt als Höhepunkt für beide.

  

Arbeit, Reisen, Genuss, Einsamkeit, Liebe

sich aufopfern


Annahme

 

 Reisen, um zu vergessen

 

Glück: Aufgehen in der Gemeinschaft und Akzeptanz


Selbstmordversuch

 
Selbsterniedrigung

in sich selbst vertiefen


Ablehnung des Geldes

 nützliches Mitglied der Gesellschaft werden

Die bösen Geister sind für Scholz
angeblich niedergekämpft.

 

Keith und Scholz sind keine direkten Antipoden, sondern beide reiben sich an der Gesellschaft, in der sie agieren.
Schauspieler haben anfänglich mit der Darstellung der einzelnen Figuren ihre Schwierigkeiten, denn geschult an der naturalistischen Dramenkunst fehlt es ihnen an der Spiellust, so dass Wedekind selbst die Rolle des Marquis oder Casimir übernimmt.
einige kritische Stimmen:

Julius Bab spricht vom Marionettentheater des „Marquis von Keith“.
Dürrenmatt brachte der „Keith“ auf die Idee, „Menschen als Motive einzusetzen“.
Man kann feststellen, dass die bei den Personen festzustellenden Gefühle sich vorwiegend auf Hass gegenüber den Gegnern und Angst vor dem Unterliegen begrenzen. Sicher fehlt bei den Figuren die emotionale Tiefe, aber dafür wird das Fantastische betont.


2. Sprache

Wedekind bricht mit dem Naturalismus und für ihn ist es wichtig, dass eine neue Bühnensprache her muss. Was im Menschen vorgeht, ist für ihn wichtiger als der Dialekt, den er spricht. Er will das Publikum packen und bekehren, will, wie sich ein Kritiker äußert, „den Angeredeten umklammern“. Es fällt auf, dass Wedekind auch bei starkem emotionalem Hintergrund die Sprache sachlich bleiben lässt, z.B. Bericht von Scholz über das Eisenbahnunglück. Seine Sprache kennzeichnen Adjektivansammlungen und Superlative wie  z.B. ungeheurer Reichtum, seelenmörderische Zwietracht, schallendes Hohngelächter, nichtswürdige Schandtat oder aus tiefster Seele, in der entsetzlichsten Weise, allerniedrigste Herkunft, heiligste Versicherung. Wenn Scholz pathetisch vom „unerschrockenen Kampf gegen mein Geschick“ spricht, reagiert Anna versachlichend mit „verschonen Sie nur bitte mich mit Ihrem unerschrockenen Kampf“. Wenn Scholz persönliche Aussagen versachlicht abschwächen möchte, dann bringt er Wie-Vergleiche: Ich träumte von Weltbeglückung wie der Gefangene hinter Kerkergittern von Gletscherfirnen träumt. Aber sehen Sie, ich bin ja so glücklich wie ein Mensch, der von frühester Kindheit auf im Kerker gelegen hat und der nun zum ersten Mal in seinem Leben freie Luft atmet. Ich sehe mein Leben wie eine endlose Frühlingslandschaft vor mir ausgebreitet.

Keiths Sprache ist so schillernd wie seine Persönlichkeit. Er bringt Vulgärausdrücke (wenn wir von den Würmern gefressen sind, im allergewöhnlichsten Liebesquark schwelgen), drastische Vergleiche (an solchen Orten wirkt mein Erscheinen wie das Aas auf die Fliegen, ich breche zusammen wie ein Ochse im Schlachthaus), Wendungen aus dem Zirkusbereich (das Leben ist eine Rutschbahn, das Leben ist eine verdammt schlaue Bestie), volkstümliche Redewendungen (dir treibt mein Glück die Galle ins Blut, sich im Grab umdrehen), Bibelanspielungen (hier lasst uns Hütten bauen, dein Reich ist noch nicht gekommen), Sophismen (Ich brauche keine Existenzberechtigung, ich habe niemand um meine Existenz gebeten und entnehme daraus die Berechtigung, meine Existenz nach meinem Kopf zu existieren) und Paradoxa (Man kann seinen Mitmenschen nicht mehr in dieser Welt nützen, als wenn man in der umfassendsten Weise auf seinen eigenen Vorteil ausgeht). In seinem Kommentar zu „König Nicola“ sagt Wedekind: „Marquis von Keith hatte ich vollkommen auf Dialog gestellt. Die Dialektik der Handlung ist im Dialog ausgetragen worden.“ Auch das Stilmittel der Parodie wird an einigen Stellen erkennbar. Die Diskussion über Simba und die Sünde erreicht den Höhepunkt in Keiths Ausruf: „Was ist Sünde!!“ Scholz antwortet: „Darüber war ich mir gestern noch völlig klar. Heute kann ich dafür ohne Beklommenheit aussprechen, was tausend und tausend gut situierte Menschen wie ich empfunden haben: Das verfehlte Leben blickt mit bitterem Neid auf das verlorene Geschäft. Keith: Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte. Gute Geschäfte lassen sich nun einmal nur innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung machen! Die vorgesehenen Pointen geben dem Gespräch oft eine unerwartete Wendung, schließen es aber nicht ab. Scholz: „Du hast nicht mehr Glück als ich, und du weißt es nicht. Darin liegt die entsetzliche Gefahr, die über dir schwebt.“

 

Der Einsatz der Mundart bei den ankommenden Hofbräuhausgästen soll die Gefahrensituation für den Emporkömmling Keith als Außenstehende noch deutlicher werden lassen


Bei Zamrjakis soll der polnische Akzent in rührender Art das verkannte Genie zusätzlich unterstreichen.


Man stellt fest, dass die von Keith gebrachten Aphorismen nicht wie bei den Klassikern einem persönlichen Erfahrungsschatz entstammen, sondern sie sind auf seine Persönlichkeit  und seine erlebte Situation formuliert.

 

literarische Grundlage:
Wipf, Verena: Frank Wedekind. Der Marquis von Keith. Dissertation 1969


 

 

3. biografische Informationen über Frank Wedekind und Werkgeschichte

Wedekind schrieb das Schauspiel „Der Marquis von Keith“ von 1898 bis 1900, 1907 wurde es überarbeitet und 1912 für die Gesamtausgabe (1913) geringfügig verändert.

Nach Entwürfen  unter dem Titel „Der Genussmensch“ (1898) und „Der gefallene Teufel“ (1899) erschien als erste veröffentliche Textfassung „Münchner Szenen. Nach dem Leben aufgezeichnet“ (in: Die Insel, Jg 1, 1900). Daraufhin veröffentlichte er „Marquis von Keith (Münchner Szenen). Schauspiel in fünf Aufzügen, München 1901“, in der zweiten Auflage, München 1907, werden sprachlich-stilistische Veränderungen aufgrund seiner persönlichen Theatererfahrung eingebracht und bei der dritten Buchausgabe (1912/13) berücksichtigte er vorausgegangene Inszenierungen.

 

zum Autor:
Benjamin Franklin (Frank) Wedekind(24.07.1864 – 09.03.1918) ist das zweite von sechs Kindern. Die Mutter Emilie, geb. Kammerer lebt nach dem Tod  der Eltern bei ihrer Schwester Sophie in Valparaiso (Chile). Nach der Trennung von ihrem ersten Mann, dem Sänger Hans Schwengerle, verdient sie ihren Lebensunterhalt mit Konzert- und Varietéauftritten. 1860 lernt sie den Arzt Dr. Friedrich Wilhelm Wedekind in San Francisco kennen und heiratet ihn. Ihr Mann hat ein größeres Vermögen in Amerika erwerben können. 1864 kehren beide nach Deutschland zurück, hier wird in Hannover der Sohn Frank geboren. 1871 übersiedelt die Familie in die Schweiz und kauft die Lenzburg bei Aarau. Dort wächst Frank Wedekind in einer künstlerischen, großzügigen, liberalen Atmosphäre auf.
Nach dem Abitur in Aarau (1884) beginnt Frank Wedekind das Studium der Germanistik und Französischen Literatur in Lausanne und München und auf Wunsch des Vaters ein Studium in München und Zürich. Er macht die Bekanntschaft mit berühmten Wegbereitern des deutschen Naturalismus wie M.G. Conrad, K. Henckell, J.H. Mackay, Carl und Gerhart Hauptmann, aber in der „Neuen Züricher Zeitung“ distanziert er sich von dieser literarischen Richtung.

 

­       1886 Reklamechef der Firma Maggi

­       1888 Zirkusdirektor beim Zirkus Herzog

­       Aufgrund eines größeren Erbes nach dem Tod seines Vaters kann Wedekind einige Jahre ohne Existenzsorgen leben.

­       1889 lernt er die Bohémiens Rudinoff und Weinhöppel kennen, die er als Maler und Komponist im „Marquis von Keith“ einarbeitet.

­       1891 Erstdruck von „Frühlings Erwachen“, Aufführung unter der Regie von Max Reinhardt 1906

­       ab 1982 verstärktes Interesse an Zirkus-, Varieté- und Ballettveranstaltungen

­       Aufenthalte in Paris, London und Berlin, Begegnung mit dem Verleger Albert Langen, der Wedekinds Werke verlegt und ihn für den Simplicissimus verpflichten kann.

­       Aus finanziellen Schwierigkeiten ist Wedekind gezwungen als Journalist, Rezitator und Lautensänger u.a. bei Max Reinhardt im Kabarett „Schall und Rauch“ zu arbeiten.

­       Aufgrund seiner Gedichte „Meerfahrt“ und „Im Heiligen Land“ 1898 im „Simplicissimus“ wird er wegen Majestätsbeleidigung zu sieben Monaten Festungshaft verurteilt.

­       11. Oktober 1901 Uraufführung des Marquis von Keith im Residenztheater in Berlin

­       1906 Heirat mit Tilly Newes, 1908 Geburt der Tochter Pamela

­       zahlreiche Aufführungen unter Mitwirkung von Frank Wedekind und seiner Frau Tilly

­       Ende 1917 kehrt er trotz einer vorgesehenen Trennung nach der Information über einen Selbstmordversuch seiner Frau nach München zurück. Am 9. März 1918 stirbt Wedekind an den Folgen einer missglückten Operation in München.

 

Viele seiner Werke zeigen eine groteske, eigenartige Komik mit tragischen Anklängen. Sein Hang zur Gestaltung grausiger und exzentrischer Schicksale, seine Vorliebe für anrüchige Stoffe (z.B. „Jack the Ripper“), sein oft zynischer Humor (z.B. Keith) offenbaren mitunter das böse Gewissen eines nach Rechtfertigung strebenden Lebemannes (z.B. Scholz) mit Neigung zur Bohème und dem unablässigen Ringen um Gestaltung.

 

Das Drama „Der Marquis von Keith“, das während seiner Festungshaft den letzten Schliff erhielt, galt dem Autor als sein künstlerisch reifstes und geistig gehaltvollstes Stück. Die Rolle des Marquis hat er selbst oft gespielt. Der Marquis kommentiert zynisch die bürgerlichen Normen und Konventionen, verschmäht es aber nicht, die Schwächen des Systems für seine Zwecke auszunutzen. Wedekind sah in Keith einen Don Quixote des Lebensgenusses (ursprünglicher Titel „Der Genussmensch“) und in Scholz einen Don Quixote der Moral. Nach Wedekind gibt es die Altruismus-Ungläubigen Mephisto und Keith (Arbeitstitel „ Der gefallene Teufel“) und die Altruismus-Gläubigen Faust und Scholz, damit betont er die dialektische Struktur des Dramas.
Die groteske Komödie parodiert die Münchner Gesellschaft um 1900. Der Hochstapler und Schwindler Keith nutzt seine sexuelle Ausstrahlung (Anna, Molly, Simba) und seine Dreistigkeit gegenüber den Großbürgern, die er als Spießer verachtet, um im Rausch der Gründerjahre mit Hilfe reicher Geldgeber den Bau eines Feenpalastes zu finanzieren. So erhofft sich Keith ins Geschäft und zu persönlichem Luxus zu kommen. Das Modell für das Projekt eines Feenpalastes liefert in der zweiten Phase der Gründerperiode der Münchener Bauskandal um die ständig vom Konkurs bedrohte Schwanthaler-Passage, unter dem Namen „Deutsches Theater“ als Vergnügungszentrum kommerzialisiert. Keiths Vorbild im realen Leben ist wohl der Maler, Fälscher, Kunsthändler und Mäzen Willy Grétor. Krenzl, Ostermeier und Grandauer entsprechen in der Wirklichkeit der Architekt Bluhm, der Gastronom Hitzelsperger und der Brauer der Spatenbiere Sedlmayr. Keith ist Initiator dieser AG, verstößt aber gegen die Spielregeln des Kapitalismus, indem er sich weigert, Geschäftsbücher zu führen, so dass er sich schließlich mit einer Abfindung begnügen muss und zum Fazit gelangt: Das Leben ist eine Rutschbahn.
Den beiden männlichen Hauptakteuren Keith und Scholz, die in langen Monologen entscheidende Wendungen in der Handlung auslösen, stehen Molly Griesinger und Anna Gräfin Werdenfels gegenüber. Keith sucht einen Aufstieg in die Gesellschaft, ein Versuch, der am Ende misslingt. Scholz will die Flucht aus der mondänen Welt, ein Wunsch, den er sich am Ende durch Flucht in eine geschlossene Anstalt erfüllt. Molly Griesinger aus Bückeburg will aus der eleganten Welt zurück in die kleinbürgerliche Idylle. Die Altruistin will Keith retten, löst aber durch ihren Selbstmord seine Entlarvung und seinen Ruin aus. Die verwitwete Gräfin Werdenfels, einstige Verkäuferin Anna Huber, liebt als Egoistin nur sich selbst. Sie entscheidet sich am Ende gegen Keith, wie gegen Scholz, für das Geld Casimirs. Keith gibt vor, Anna leidenschaftlich zu lieben, liebt nur sich selbst. Molly liebt Keith, wird aber von ihm nur benutzt. Scholz liebt Anna, aber Anna weist ihn zurück.
Diese Figuren sind stark typisiert. Der Hochstapler Keith, „ein Ungeheuer an Gewissenlosigkeit“, der wahrscheinlich die kriminelle Karriere von Raspe noch vor sich hat, während Simba und Sascha aufs Geldverdienen spezialisiert sind. Das Herrensöhnchen Herrmann, der selbstbewusste Konsul Casimir sowie die Typen der Bohème entsprechen weitgehend gängigen Klischeevorstellungen. Grundlage: didakt. Begleitmaterial 2003 zum Grundkurs (Gymnasium)



Ergänzungen:

1. gattungsgeschichtliche Einordnung


Wedekind hat seine Werke sehr flexibel eingestuft und die Zuschauerreaktionen abgewartet, ob sie eher lachen oder weinen. Seine Werke gehören  zu den Tragikomödien, so auch der Marquis. Gerade in der Schlussszene wird dies deutlich, wenn Scholz ins Irrenhaus geht und Keith grinsend den Revolver zur Seite legt. Vorarbeit hat der Naturalismus geleistet, denn in diesen Werken (Hauptmann) werden die Unterdrückten und Armseligen hoffähig. Der Marquis kann als Übergang zum modernen Theater gesehen, obwohl noch die klassische Fünfaktigkeit verwendet wird. Aber optisch deutlich werdende Lichtelemente spielen bereits eine gewisse Rolle ( anfangs - Licht eines strahlenden Vormittags, 3. Akt - düsteres Rot des Feuerwerks und am Ende - stumpfe Dämmerung).

2. Religion

Die Bibel wird als Sammlung von Spruchweisheiten für den Kommerz gesehen. “ Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.” Das beste Geschäft ist die Moral. Ein uneingeschränkter Genuss ist nur durch konsequenten Egoismus möglich. Für den Zugang zur Gesellschaft gilt die Devise: Der Mensch wird abgerichtet oder er wird hingerichtet.
Sünde ist eine mythologische Bezeichnung für schlechte Geschäfte.


3. Antipoden

a) Keith und Scholz
b) Anna und Molly
c) Vater Casimir und Hermann Casimir

Konsul Casimir verkörpert die Gesellschaft, heute angesehen - morgen schon im Gefängnis, in die Keith und Scholz aufgenommen werden wollen. Der einzige Hoffnungsträger ist Hermann Casimir, der diese bürgerliche Welt ablehnt, sich schwärmerisch für Anna als Außenseiterin begeistert, aber keinen Respekt vor der Welt des Vaters empfindet und nach Afrika auswandern möchte. [...] wenn man sich in Afrika unglücklich fühlt, dann fühle man sich noch zehnmal glücklicher, als wenn man sich in München glücklich fühle.
 

4. die Künstlerwelt

Die dargestellte Künstlerwelt ist eine Parodie ihrerselbst. Saranieff kann nur durch Fälschungen Geld verdienen, der Musiker Zamrjaki kann nicht über seinen Schatten springen und verfällt auch beim Walzerspielen in seine komponierte Symphonie, die abgelehnt wurde. Über Musik sagt Casimir: Was heute Krach, ist morgen Kunst. Es gibt danach kein Verständnis, sondern nur eine Gewöhnung über die Zeit als erfolgversprechende Akzeptanz.


Hartwig, Wolfgang (1965): Frank Wedekind. Der Marquis von Keith. Text und Materialien zur Interpretation. Walther de Gruyter & Co., Berlin